Don bosco-doku: wie ein 19. jahrhundertspriester das sportprogramm von morgen erfand
22.45 Uhr, Sky Sport Uno. Kein Champions-League-Kracher, kein Tennis-Masters. Stattdessen ein Schwarzweißbild aus Turin, 1852: Ein Priester schmeißt eine Lederkugel auf einen verrosteten Kreidekreis. Die Jungs im Hof rasten – nicht vor Begeisterung, sondern vor Hunger. Der Mann mit der Kutte bemerkt es, pfeift die Runde ab und verteilt Brot. In genau diesem Moment, behauptet Regisseur Tommaso Liguori, wurde der modernen Sportpädagogik die DNA eingepflanzt.
Don Bosco. Il Santo dei giovani e dello Sport heißt die 52-Minuten-Dokumentation, die ab sofort auch auf NOW streambar ist. Kein frommes Porträt, sondern eine Datenschauer durch 170 Jahre Sozialarbeit – erzählt von Leuten, die heute noch auf den gleichen staubigen Bolzplätzen arbeiten wie ihr Vorbild.
Warum ein heiliger den dfb beschäftigt
Der Trick ist simpel: Oratorium statt Olympiastützpunkt. Wo der Staat in Mailands Quartier San Siro nur noch Polizeipräsenz sieht, bauen Salesianer seit 1875 Minikunstrasen. Kein Verein, keine Mitgliedsbeiträge. Dafür Pflicht: Schulhausaufgaben vor dem Training. Wer glänzt, darf beim PGS-Cup antreten – einem Turnier, das längst als „Copa per la vita“ gilt. Gianni Petrucci, heute Präsident des italienischen Basketball-Fachverbandes, schwang dort 1977 seinen ersten Korb. „Ohne den Dunking hätte ich den Schulabschluss geschmissen“, sagt er vor der Kamera und lacht, bis das Bild zerkratzt.
Die Kirche liefert das Narrativ, Sky liefert die Kameras. Entstanden ist ein Stück Fernsehen, das zwischen Vatikan-Archiv und U-Bahn-Tagung ruckelt – absichtlich. Liguori, selbst Ex-Salesianer, verzichtet auf Voice-over. Stattdessen schickt er Drohnen über brasilische Favela-Felder und hängt GoPros an Pfarrer-Kutten. Die Folge: Ein Dokument, das sich selbst als Live-Dokument begreift. Wenn Edoardo Bove, Mittelfeld-Ass von AS Roma, erzählt, wie er in einem von Don Boscos Cortili den Ball aus dem Kanalnetz fischte, schneidet die Montage direkt zu seinem Treffer gegen Inter. Das ist kein Erfolgsgag, sondern ein Schlag ins Kontor der italienischen Sportpolitik, die Nachwuchsprojekte seit Jahren kürzt.

Von der kirche aufs spielfeld – und zurück
Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 1.650 PGS-Zentren weltweit, 250.000 Kinder und Jugendliche pro Woche, null Kommerzpunkte auf den Trikots. Dafür 4.200 ehrenamtliche Trainer, davon 62 % Frauen. Francesco Motto, Historiker in Turin, präsentiert Akten, laut denen Don Bosco 1883 bereits „gioco educativo“ forderte – also Spielpädagogik. Die Formel: Regel statt Predigt. Erstmals durften Mädchen mitkicken, erstmals gab es Strafen für Fluchen. Heute nennen das manche „Integrationskurs“, damals hieß es einfach: Sonntag.
Der Film spart nicht mit Gegenlicht. Mauro Berruto, Ex-Volleyball-Bundestrainer, erinnert sich, wie er nach einem 3:0-Sieg über Polen in der Kabine betete – und sich schämte. „Weil ich wusste: Im Oratorium hätte man mich für den Sieggeste ausgeschlossen.“ Es ist diese Schärfe, die die Doku über einen frommen Netflix-Schmachtfinger rettet. Am Ende steht keine Heiligsprechung, sondern ein Satz, den niemand erwartet: „Wenn wir 2025 noch Sozialarbeit mit Sport verwechseln, haben wir verloren.“ Gesprochen von niemand Geringerem als Ciro Bisogno, Präsident der PGS. Der Mann verwaltet 38 Millionen Euro Jahresbudget – und trägt trotzdem Turnschuhe zum Bischofsgewand.
Sky wird die Rechte für Schulen freigeben. Das ist kein PR-Gag, sondern eine Kampfansage an den italischen Profifußball, der seit Jahren seine Nachwuchsleistungszentren dichtmacht. Don Bosco hingegen baut weiter: gerade wurde in Bari ein Beach-Soccer-Feld auf einem ehemaligen Mülldeckel eröffnet. Die Kosten: 180.000 Euro, gesammelt in drei Wochen. Der erste Ball rollt am 1. April – ein Sonntag, versteht sich.
