Der 100-jährige schiedsrichter, der olympisches gold lenkte – ohne je nominiert worden zu sein
Im September wird er die magische Grenze knacken: 100 Jahre. Doch Adalberto Capuani lacht nur müde, wenn man ihn auf das Jubiläum anspricht. „Ich war einfach der Beste, das wusste jeder“, sagt er knapp und schiebt die Kaffeetasse beiseite. Der Blick ist noch scharf, die Stimme rau wie ein altes Stadionsignal. Wer in Civitavecchia nach ihm fragt, bekommt keine Touristenführung, sondern eine Predigt: Dieser Mann piff 1980 das Finale zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien – obwohl der italienische Schwimmverband ihn gar nicht erst nominieren wollte.
Warum der fina-chef persönlich nach rom flog
Die Geschichte klingt wie ein Drehbuch, das kein Produzent kaufen würde: Mexikos mächtiger FINA-Boss Javier Ostos Mora landete in Rom, marschiert ins Büro von Verbandspräsident Aldo Parodi und schmettert: „Capuani kommt mit nach Moskau, Punkt.“ Parodi hatte Rino Merola auf dem Zettel, einen anderen Pfeifen-Guru. Doch Ostos Mora wollte den Bahnhofsvorsteher aus Civitavecchia, der nebenher Wasserball-Regeln studiert hatte wie andere Menschen Rosenkavalier-Partituren.
Ergebnis: Capuani leitete nicht nur das Goldspiel, er piff auch die Vorentscheidung Sowjetunion – Ungarn (5:4). Zwei Partien, zwei Medaillen, ein Mythos. „Die wussten, dass ich nie schummelte“, sagt er heute. „Wenn ich Foul rief, hatte das Gewicht eines Zugsignals.“

Von den gleisen zur schwimmwelt – und zurück
Morgens um vier fuhr er die ersten Regionalzüge nach Rom, mittags stand er an der Beckenkante. Capuani beherrschte beide Uhren: die der Bahn, die der Sportwelt. Kollegen erinnern sich, wie er mit der roten Kappe im Nacken durch die Gänge stapfte und dabei die Dampflokomotiven zählte, die er am Vortag hatten abfahren lassen. „Er hatte keinen Fehler erlaubt, weder auf Schiene noch im Wasser“, schwärmt der heutige Stadtrat Giuseppe Pizzo, der einst selbst als Jugendlicher unter Capuanis Pfiff zitterte.
Der Mann, der nie ein Nationalspieler war, wurde zum globalen Maßstab. Trainer aus Budapest schickten ihm Weihnachtskarten, sowjetische Spieler baten um Autogramme – und das, obwohl er sie mit Gelb-Karten aus dem Becken schickte.

Die wunde, die nie verheilte
Doch der Stolz hat einen Sprung. Im FINA-Archiv steht Capuanis Name nicht in der offiziellen Delegationsliste von 1980. „Ich war ein Stowaway“, sagt er und lacht schrill. „Aber der, der das Finale piff, zählt mehr als jeder mit Akkreditierung.“ Trotzdem nagt es an ihm. Wenn er heute durch den Bahnhof von Civitavecchia schlendert, grüßen ihn die jungen Ticketscanner. Sie wissen nicht, dass der alte Herr einst den Weltmeister mit einem Pfiff stoppte. „Sport ist Gerechtigkeit“, murmelt er. „Aber nur, wenn du dich selbst durchsetzt.“
Am 17. September wird das Stadtbad zu Ehren Capuanis umbenannt. Die Rede hält er selbst – drei Minuten, kein Wort länger. Dann steckt er sich die silberne Pfeife zwischen die Zähne, pfeift ein kurzes, scharfes Signal und verschwindet in Richtung Gleis 3. Der Zug nach Rom wartet. Pünktlich wie eh und je.
