Pogacar jagt den mythos sanremo: 72 seiten voller leidenschaft und eine frage, die ihn brennen lässt

Am Samstag rollt die Milano-Sanremo wieder über die Via Roma – und niemand brennt mehr auf diesen einen Sieg als Tadej Pogacar. Der Slowene hat alles, nur dieses Rennen fehlt noch. „Ein Erfolg hier würde mir mehr bedeuten als sechs Tour-de-France-Titel“, sagt er im neuen G Magazine, das am Donnerstag erscheint. 72 Seiten, keine Werbebeilage, sondern ein Manifest für das, was Radsport wirklich ist: Schweiß, Mythos, Irrsinn.

Warum pogacar den himmel von sanremo noch nicht erreicht

Vier Anläufe, vier Top-Fünf-Platzierungen – und jedes Mal die gleiche Lücke zwischen Triumph und Tränen. 2021 Fünfter, 2022 Vierter, 2023 und 2024 Dritter. Die Statistik klingt nach Bestwerten, ist für ihn aber ein offener Schrein unvollendeter Träume. Die Streckenprofile? Zu flach für seine Explosivkraft. Die finale Via Roma? Eine Lotterie, wo sich zwölf Sekunden über Jahre strecken. „Man kann an jeder Hausnummer verlieren, aber nur an einer gewinnen“, sagt er. Und trotzdem kommt er zurück, weil die Classicissima das letzte Puzzlestück bleibt, bevor er zur Unsterblichkeit aufschließt.

Seine Gegner sind keine Phantomnamen mehr. Mathieu van der Poel fährt mit dem Selbstvertrauen eines Cross-Weltmeisters, der die Kopfsteinpflaster-Saison dominiert hat. Filippo Ganna plant mit 60 km/h Angriffe auf dem Poggio, wo die Beine der Konkurrenz schon kochen. Pogacar weiß das, liest ihre Leistungsdaten wie andere Twitter. „Sie sind gefährlich, weil sie nicht rechnen lassen“, sagt er. Und rechnen kann er: In den letzten vier Jahren hat er seine Bestzeit auf dem Poggio um 14 Sekunden verbessert. Ein halber Radumfang – in der Welt des Profisportes eine Ewigkeit.

Die 80-jahr-feier, die niemand feiert – außer der geschichte

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Am selben Tag jährt sich die berühmteste Milano-Sanremo zum 80. Mal: Fausto Coppi, 1946, 147 Kilometer Alleinfahrt, 14 Minuten Vorsprung, ein Volk, das noch vom Krieg zittert und plötzlich jubelt. Radiosprecher Nicolò Carosio spielte Swing, während der Franzose Teisseire ins Leere trabte. Die Bilder sind schwarz-weiß, aber das Gefühl ist Farbe. Filippo Pozzato, selbst Sieger 2006, sagt im Interview: „In Via Roma ist das Publikum so laut, dass du deinen Herzschlag nicht mehr hörst.“ Für ihn war es der Tag, an dem er Gianni Bugno und Maurizio Fondriest als Kind vor dem Fernseher angefeuert hatte. Nun ist er Experte, sieht die Preisgelder, sieht die Marke Van der Poel, die Sponsoren aus der Modebranche. „Pogacar sollte das Doppelte verdienen für das, was er leistet“, sagt er. Die Wirtschaft folgt dem Hype, nicht der Leistung.

Vom tirreno-adriatico-fieber zum giro-start in bulgarien

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Hinter der Kulisse schlägt bereits das nächste Kapitel auf: Der Giro d’Italia startet am 8. Mai in Sofia – erstmals in Bulgarien, weil die Runde sich neu erfindet. Jonas Vingegaard hat seine Startpläne umgestellt: Er will in Italien das Triple Crown-Mosaik vervollständigen, bevor Pogacar es tut. Der Däne ist der einzige, der den Slowenen in den letzten zwei Jahren bei der Tour geschlagen hat. Nun will er die maglia rosa, bevor er wieder in Gelb auftritt. „Das Giro-Profil und die Landschaften faszinieren mich“, sagt er. Dahinter steckt ein Plan: Wer den Giro gewinnt, kann Geschichte schreiben, bevor die Tour überhaupt beginnt.

Italiens Hoffnung trägt einen anderen Namen: Giulio Pellizzari, 22 Jahre, noch kein Bär auf den Bergen, aber ein Wolf im Training. Er wird direkt gegen Vingegaard attackieren, weil er nichts zu verlieren hat. Zehn Jahre ist es her, dass Vincenzo Nibali als Letzter einheimischer Fahrer die Trophäe nach Italien holte. Im Interview verrät der Haifisch Details, die kein Buch kennt: Wie er auf der Stelvio-Abfahrt 2016 mit kaputter Vorderradbremse fuhr, weil das Team keine Zeit hatte zu wechseln. „Angst ist ein GPS, das dich schneller macht“, sagt er.

Und dann ist da noch die Tour of the Alps, das letzte Feuertest vor dem Giro. Sieben Etappen durch Trentino, Südtirol, Tirol – ein Mikrokosmos, in dem sich schon vorher zeigt, wer in den Dolomiten platzt oder fliegt. Die Teams nennen sie „das Probedatum der Beine“. Die Fans nennen sie „das Rennen, wo die Berge noch grün statt grau sind“.

Am Ende bleibt eine Wahrheit: Wer am Samstag die Classicissima gewinnt, trägt nicht nur einen Klassiker nach Hause, sondern schreibt sich in ein Buch, das seit 1907 offen ist. Die 72 Seiten des G Magazine sind nur der Anfang. Die Geschichte wird live geschrieben – zwischen der Passo del Turchino und der Via Roma, zwischen Pogacars unstillbarem Hunger und der Uhr, die an diesem Tag niemals stehenbleibt.