Peter fischer wird 70: seine größte angst ist nicht der tod, sondern die stille danach
Der Mann, der Eintracht Frankfurt jahrzehntelang mit lauter Stimme und noch lauteren Hemden regierte, sitzt in seinem Garten. Die Beine sind taub, die Stimme aber lebt. „Die Künstliche Intelligenz sagt mir, ich sei schon 2024 gestorben“, lacht Peter Fischer, 70 Jahre alt, sieben Operationen, ein Krebs, zwei neue Hüften, null Beininnervation. „Offensichtlich hat die KI meine Krankenakte gelesen, nicht mich.“
Der präsident, der keiner mehr sein darf
Seit Februar 2024 ist Schluss mit Dauerdienst im Waldstadion. Keine Sitzungen mehr, keine Kurve, keine Kamera. Dafür jetzt: morgens um acht die erste Tablette, um zehn die zweite, mittags das Morphin-Pflaster. „Ich war Teilzeit-Papa, bin jetzt Ganzzeit-Rentner“, sagt er und klingt dabei nicht wie jemand, der sich in die Hängematte verabschiedet. Eher wie ein Boxer, dem man das Publikum weggenommen hat. Die Couch zu Hause ist seine neue Tribüne. Dort schreit er immer noch, aber niemand schreit zurück.
Was ihn am meisten fehlt, ist nicht die Macht. Es ist das Geräusch. „Die Kolleginnen vom Fanshop, die Putzfrau, der Sicherheitsdienst – die erzählen dir, wenn der Hund krank ist oder der Freund geht. Ich kenne ihre Geschichten, sie kennen meine. Das war mein Dorf.“ Stattdessen guckt er jetzt mit zehn Freunden Fußball. Die kennen seine alten Witze. Die lachen trotzdem.

Der fan, der wieder fan werden durfte
Früher musste er lernen, Präsident zu sein: keine Schwalben, keine Schmähs, keine Schimpfwörter. „Wenn du weißt, warum der Spieler das Trikot küsst, weil er eben einen Bonus bekommt, dann ist das kein Mythos mehr.“ Jetzt darf er wieder brüllen. „Scheiße, macht der das hauptberuflich?“ rutscht ihm raus, genau wie früher in der Nordwestkurve. Der Unterschied: Früher musste er es aushalten, wenn die Mannschaft verlor. Heute darf er wegschalten.
Trotzdem guckt er. Jeden Samstag. Und er versteht nichts. „Gleiche Spieler, gleicher Trainer, gleicher Kader – und auf einmal spielen sie, als hätten sie vergessen, wofür die Netze da sind.“ Dino Toppmöller ist für ihn „ein toller Mensch“, aber auch das reicht nicht. „Ich hätte früher die Kabine aufgerissen. Heute darf ich nur noch vor dem Fernseher fluchen.“

Der demokrat, der nicht mehr schweigen will
Sein größter Gegner war nie der FC Bayern. Es war der braune Mob. 4.000 Anzeigen gegen Rechtsextreme hat er inzwischen gestellt. „Sonny Sonneberg sagt mir: ‚Du bist verantwortlich, dass das alles nie wieder passiert.‘“ Fischer zittert nicht an seinem 70. Geburtstag vor dem Tod. Er zittert vor der Stille, die entsteht, wenn niemand mehr „Nazi“ ruft. „Man braucht keine Zivilcourage, um gegen Nazis zu sein. Man braucht nur ein Herz.“
Sein Geburtstagswunsch klingt wie ein Fluchtplan: „Ich will, dass Integration kein Begriff mehr ist. Dass Hautfarbe und Gott nur noch Adjektive sind, nicht mehr Schubladen.“ Er will keine Blumen, keine Reden, keine Gänge im Stadion. Er will, dass seine Kinder irgendwann sagen: „Papa, du hast damals aufgeschrien, als alle schwiegen. Deshalb dürfen wir heute in Frieden leben.“
Am Samstag wird Peter Fischer 70. Er kann nicht mehr laufen. Aber er rennt noch. Gegen die Stille. Gegen das Vergessen. Und gegen jede KI, die behauptet, er sei schon tot.
