Pesic wirft den ball hin: der patriarch verlässt das feld
Svetislav Pesic hat genug. Nach 46 Jahren an der Seitenlinie, nach 23 Titeln in fünf Ländern, nach dem ersten europäischen Pokal für einen deutschen Klub und dem einzigen EM-Titel der deutschen Männer, sagt der Serbe: „Reicht.“
Der Satz klingt wie ein Seufzer, der 76 Frühlinge trägt. „Ich weiß, keiner glaubt mir, aber diesmal ist es wirklich die letzte Saison“, sagt er im Gespräch mit der ZEIT. Derzeit coacht er den FC Bayern, der am 8. Mai in München die Play-off-Viertelfinals eröffnet. Danach wird er den Laptop zuklappen, die weißen Hemden einmotten und den Timer seines Lebens auf „Familie“ stellen.
Alba wurde zu seinem meisterstück
Die Berliner erinnern sich gern. 1995 holt er mit Alba den Korac Cup, 1998 und 1999 die Meisterschaft, 1997 und 1999 den Pokal. Er macht aus einem Provinzklub eine Marke, aus einer Halle an der Bundesautobahn 100 ein Fußballstadion für Basketballfans. „Wir haben damals gespielt, als gäbe es kein Morgen“, sagt Ex-Kapitän Henrik Rödl. Pesic antwortet: „Morgen ist nur relevant, wenn du heute gewinnst.“
Die Zahlen sind gelebt: 1.029 Euroleague-Spiele, 73 % Siegquote in der Bundesliga, 17 Final Four-Teilnahmen. Doch hinter jeder Statistik steht eine Szene. Pesic, wie ein General im Nadelstreifen, schreit „Post“ und meint nicht die Briefmarke, sondern die Verteidigung. Seine Spieler nennen ihn „Papa“, weil er vor jedem Spiel die Koffer packt – auch die, die er nie wieder öffnet.

München war seine zweite heimat, barcelona seine dritte
2014 führt er Bayern zum Triple. 2003 gewinnt er mit Barça alles, was es zu gewinnen gibt. Doch die Trophäen sind nur das Metall. Das eigentliche Gold ist die Methode: Pesic lehrt einen Basketball, bei dem der Ball schneller läuft als die Beine. „Wenn du denkst, ist es zu spät“, sagt er. Seine Teams spielen wie ein Jazz-Ensemble – improvisiert, aber mit Noten im Kopf.
Die Nationalmannschaften folgen demselben Schema. Jugoslawien 2001, Serbien 2009, Deutschland 1993. Drei Länder, drei Kontinente, ein gemeinsamer Nenner: Pesic. Er spracht fünf Sprachen, aber seine Lieblingsszene ist ein Schweigen: nach dem EM-Titel in München steht er fünf Minuten stumm in der Kabine, bis alle geweint haben. Dann sagt er: „Nie wieder zweiter sein.“
Nun wird er in Pirot, einer serbischen Kleinstadt an der bulgarischen Grenze, aufstehen und keine Trainingseinheit planen. „Ich werde Kurse geben“, sagt er, „aber keine Uhr mehr am Handgelenk.“ Die Basketball-Welt verliert einen Komponisten, die Familie gewinnt einen Großvater. Und die Zahlen? Die bleiben. 1.456 Pflichtspiele, 27 Titel, eine einzige Wahrheit: Schluss macht der, der gewinnt, nicht der, der verliert.
