Neymars wm-traum zerbricht: ancelotti lässt superstar erneut daheim

Die Uhr tickt. Und zwar laut. Brasiliens Rekordtorschütze Neymar darf zum zweiten Mal in Serie zuschauen, wie sich die Selecao ohne ihn auf die WM vorbereitet. Coach Carlo Ancelotti strich den 34-jährigen Santos-Kapitän gestern aus dem 26-Mann-Kader für die Testspiele in den USA gegen Frankreich und Kroatien. Für den einstigen Galaktischen bleibt damit nur noch ein winziges Zeitfenster, um ins WM-Rennen zurückzukeifen – wenn es denn überhaupt eins gibt.

Die belastungssteuerung wird zum bumerang

Ancelotti wollte Neymar eigentlich live beobachten. Geplant war ein Check beim Auswärtsspiel von Santos in Mirassol – doch genau dieses Match setzte der Klub seinen Star aus „Belastungsgründen“ aus. Der Plan platzte, Ancelotti reiste stattdessen nach Rio, sah Botafogo gegen Flamengo und ließ Neymar im Kofferraum der Geschichte stehen. Am Sonntag lief der Routinier dann im Derby gegen Corinthians auf, bereitete das 1:1 vor, doch der Coach war längst wieder in der Heimkehr. Verpasste Chance, verschobene Karriere.

Die Mediziner kennen die Antwort, warum der 128-fache Nationalspieler nicht mitfliegt: sein linkes Knie. Nach dem Kreuzbandriss im Oktober 2023 und der Nachoperation im Dezember schwächeln Oberschenkel und Sprunggelenk. Die Folge: keine 90-Minuten-Belastung, keine Bank-Drehs, keine Einheiten mit der Startelf. Wer bei Santos nur 45 Minuten läuft, kann auf internationalem Parkett nicht mithalten – das lautet die harte Rechnung von Ancelotti.

Endrick rückt nach, neymar bleibt außen vor

Endrick rückt nach, neymar bleibt außen vor

Statt Neymars Show gibt es Jungbrunnen-Feeling: Endrick, 19, an Lyon ausgeliehen, kehrt nach fast einem Jahr der Nationalteam-Abstinenz zurück. Der Madrider Leihspieler steht exemplarisch für den Generationswechsel, den Ancelotti vorantreibt – schneller, unverbraucht, verletzungsfrei. Dazu Vinícius, Rodrygo und Paquetá: Das Mittelfeld- und Sturmensemble kommt ohne Bundesliga-Legionäre aus, auch das ein Paukenschlag. Statt Neymar vertraut der Italiener auf Tempo und Torgefahr aus dem eigenen Land.

Die Zahlen sind gnadenlos: 79 Länderspieltore hat Neymar erzielt, kein Brasilianer traf öfter. Doch seit dem 13. Oktober 2023 steht er auf Null Neueinweisungen. Wer zwölf Monate ausfällt, verliert nicht nur Fitness, sondern auch den Ruf der Unverzichtbarkeit. Und Ancelotti schickt ein Signal Richtung Kader: Leistung zählt, nicht der Name auf dem Trikot.

Die wm rückt näher – mit oder ohne ikone

Die wm rückt näher – mit oder ohne ikone

Die Testspiele in Los Angeles und Dallas gelten als letzte ernsthafte Probeläufe vor der Endauswahl. Wer hier nicht dabei ist, muss bei der Enthüllung des endgültigen 26er-Kaders im November mit einer Absage rechnen. Brasilien träumt vom Sechstern, die Fans schwören auf ihre jungen Flügelstürmer, die Verantwortlichen reden von „frischem Wind“. Neymar aber marschiert derzeit nur auf der Stelle, ein 20. Turniertreffer in WM-Kleidung rückt in weite Ferne.

Für den einstigen teuersten Fußballer der Welt bleibt nur ein kurzer Sprint bis Sommer 2026 – ein Sprint, der sich wie ein Marathon anfühlt. Die Knie schmerzen, die Uhr tickt, und Ancelotti schaut bereits in eine Zukunft ohne Neymar. Sollte der Superstar im Herbst erneut passen, dürfte seine WM-Geschichte ein unrühmliches Kapitel bekommen: das des Mannes, der nie aufhörte zu glänzen – aber irgendwann nicht mehr mitdurfen.