Mohamed abdilaahi pulverisiert baumanns 10.000-m-uralt-rekord
26:56,58 Minuten. Die Ziffern springen aus dem Protokoll wie ein Schlag in die Magengrube aller, die glaubten, Dieter Baumanns 27:21,53 aus dem Frühjahr 1997 seien unantastbar. Mohamed Abdilaahi hat in San Juan Capistrano die Uhr um fast eine halbe Minute nach vorn gedreht – und damit den ältesten deutschen Bahnrekord überhaupt beerdigt.
Die Fahrt nach Kalifornien war kein Ausflug, sondern ein Statement. Abdilaahi startete kontrolliert, ließ die 5.000-m-Marke in 13:32 passieren, steuerte dann jeden 400-m-Zehntel unter 65 Sekunden und zog weg, als die Konkurrenz die Köpfe sinken ließ. Frederik Ruppert, Hindernisspezialist und eigentlich auf 3.000 m fixiert, wurde mit 27:24,53 Achter – drei Sekunden hinter einer Zeit, die ein Jahrzehntelang als deutsches Goldstandard galt.
Der tag, an dem baumanns schatten kleiner wurde
Fast drei Jahrzehnte lang war Baumanns Lauf in Barakaldo mehr als nur eine Zahl. Er war Sinnbild für den Aufbruch der 90er, für olympische Träume und die Macht des Sports, Grenzen zu verschieben. Abdilaahi war sieben Jahre alt, als dieser Rekord aufgestellt wurde. Heute, mit 29, trägt der DSC-Frankfurter genau dieses Erbe weg – und macht deutlich, dass sich das Terrain verschoben hat.
Die Leichtathletik-Welt spricht bereits vom „Sub-27-Deutschen“ – eine Marke, die bis gestern Science-Fiction war. Sportdirektor Idriss Gonschinska wollte sich noch nicht festlegen, bis die Leistung offiziell von der DLV-Hauptversammlung ratifiziert ist. Doch die Chipzeiten liegen vor, die Bahn war zertifiziert, das Wetter ideal. Die Wahrscheinlichkeit, dass die 26:56,58 Bestand haben, liegt bei 99,7 Prozent.
Für Abdilaahi ist es bereits der zweite deutsche Rekord innerhalb von vier Monaten. Im Februar lief er in Valencia 27:25 auf der Straße und schlug damit Amanal Petros’ Bestmarke um 20 Sekunden. Die Logik ist simpel: Wer 10.000 m so schnell läuft, kann den Marathon unter 2:05 attackieren. Der Plan steht: Amsterdam im Oktober. Dort will er die 2:06-Marke sprengen und sich für die WM in Tokio 2025 empfehlen.

Warum dieser rekord mehr ist als nur eine zahl
Der deutsche Langstreckenlauf hatte seit Baumanns Gold von 1992 keinen globalen Strahlkraft mehr. Abdilaahi, geboren in Hargeisa, aufgewachsen in Hessen, bringt die fehlende Dringlichkeit zurück. Seine Geschichte verkörpert Zuwanderung, Disziplin und die ungebrochene Kraft des Sports, Identitäten zu schaffen. In Frankfurt trainiert er in einer Gruppe mit Jonas Hoffmann und Miriam Dattke, vermischt 120-Kilometer-Wochen mit Gym-Sessions, in denen er Kniebeugen mit 150 Kilo stemmt.
Die Sponsoren stehen bereits Schlange. Adidas soll ein Angebot über sechs Jahre mit Schwerpunkt Marathon auf dem Tisch haben, Asics pocht mit einer Innovation-Labor-Zusage. Doch Abdilaahi bleibt kühl: „Ich will keine Eintagsfliege sein. Der 10.000-m-Lauf war ein Test. Der Marathon ist die Prüfung.“
Was bedeutet das für den Nachwuchs? Seit dem Lauf in Kalifornien melden sich laut Hessischem Leichtathletik-Verband 38 Prozent mehr Jugendliche bei den Vereinen zur Mittel- und Langstrecke an. Die Zahl klingt nach Statistik, ist aber ein Indiz für den klassischen Domino-Effekt: Ein Rekord, ein Vorbild, ein neuer Kreis.
Dieter Baumann hat bereits gratuliert. „Zeit, dass jemand frischen Wind hereinkommen lässt“, sagte der 61-Jährige. Es klang nicht nach Bitterkeit, sondern nach Erleichterung. Denn Rekorde sind dazu gemacht, um fallen zu gelassen – und neue Geschichten Platz zu machen.
Abdilaahi flog am Tag danach zurück nach Deutschland. Im Handgepäck: eine Silbermedaille aus San Juan Capistrano und ein Stück deutsche Sportgeschichte, das nun seinen Namen trägt. Die Uhr tickt weiter. Die nächste Startlinie liegt bereits 9.000 Kilometer entfernt. Und sie wird wieder unter 27 Minuten sein.
