Mit 14 an der weltspitze: alisa werner schleudert den neuen deutschen trendsport in die höhe

Ein 160 Gramm leichter Stahlstab fliegt locker flockig durch die Halle, kreist um eine Dreifachpirouette und landet millimetergenau zwischen zwei Jazz-hands – das ist kein Zaubertrick, sondern Alltag für Alisa Werner. Die 14-jährige Sportlerin aus Zimmern ob Rottweil hat sich in der Szene binnen zwölf Monaten von Geheimtipp zu Goldfavorit gemausert und liefert den besten Beweis dafür, dass Twirling längst mehr ist als Faschingsbeigeschmack.

„Wir sprechen hier von einer Mischung aus Ballett-Koordination, Turn-Explosivität und akrobatischer Präzision – alles unter Zeitdruck und zur Musik“, sagt ihr Trainer, der zufällig auch Papa heißt. Dreimal pro Woche quält sich Alisa durch Handstand-Übergänge, schnappt sich den Baton in der Fallphase und optimiert die 0,3-Sekunden-Fenster, in denen sich Stab und Körper wieder treffen müssen. Das klingt nach Spitzensport? Ist es laut Nationalem Verband auch, nur eben ohne Lobby und TV-Kamera.

Ein sport, der aus der marschkapelle stammt und tiktok erobert

Die Wurzeln des Twirlings liegen in den USA der 1930er-Jahre, als Majoretten zu Sousa-Klängen mit Stäben jonglierten. Doch statt Blechbläsern serviert der moderne Wettkampf elektronische Beats, LED-Licht und Choreografien, die an Rhythmic Gymnastics erinnern – nur härter, weil jedes „Drop“ direkt Abzug bedeutet. In Japan und Frankreich stehen bereits 80.000 Lizenz-Inhaber auf den Matten; Deutschland hinkt mit gerade mal 4.000 Aktiven hinterher, wächst aber dank Social-Media-Clips rasant.

Die Werner-Schwestern nutzen die Plattform gnadenlos: TikTok-Account „TwinTwirl“, 2,3 Mio. Views, Hashtag #BatonBoss. „Klar wollen wir Likes, aber wir wollen vor allem Nachwuchs“, sagt Alisa. Sie und ihre zwölfjährige Schwester Mila geben selbst Kurse, korrigieren Fingerwinkel und schicken Trainingspläne per WhatsApp an Mädchen aus ganz Baden-Württemberg. Die nächste Generation sitzt schon in der Halle, 8- bis 10-jährige, die wegen der Videos betteln, endlich einen Stab halten zu dürfen.

Gold in turin – doch der nächste gegner heißt mangel

Gold in turin – doch der nächste gegner heißt mangel

Der Coup von Alisa beim Nations Cup in Turin war programmiert: 9,5 für Artistik, 9,6 für Risiko, 9,7 für Musikalität – Werte, die sogar erfahrene Trainer ins Stottern bringen. Doch der größte Sieg ist kein Medaillenspiegel, sondern ein Startplatz für die Junioren-WM in Genf im August. Dort trifft sie auf Japanerinnen, die seit der Grundschule 30 Stunden pro Woche twirlen und mit Sponsoring-Verträgen ausgestattet sind. Alisa dagegen fährt mit selbst gestricktem Budget: Fahrkarte gesponsert vom örtlichen Bäcker, Stäbe gespendet aus Aluminium-Resten eines Autozulieferers.

Die Familie Werner hat den BTSC Zimmern quasi als Start-up gegründet – mit 25 Mitgliedern, Pavillon an der B 462 und einem gebrauchten Soundsystem. „Wir sind kein Leistungszentrum, wir sind eine Kampfgemeinschaft“, sagt Mutter Natalia, die nebenberuflich die Bücher führt. Die Halle kostet 45 Euro die Stunde, der Stab 80 Euro das Stück und bricht alle drei Monate. Rechnet man Training, Reisen und Material hoch, landet man bei 3.500 Euro pro Jahr – für viele Familien ein Grund, lieber Fußball zu spielen.

Trotzdem wächst der Sport, weil er etwas liefert, das Fußball nicht kann: die Synthese von Tanz und Adrenalin. „Wenn der Stab acht Meter hoch steigt und du spürst, dass die Rotation sitzt, ist das pure Dopamin“, sagt Alisa. Und weil die Verbände endlich begriffen haben, dass Twirling perfektes TV-Food ist – bunte Kostüme, slow-motion-taugliche Flugkurven, Dramatik in Sekundenbruchteilen –, stehen die Chancen gut, dass sich die Zahlen bald verdoppeln.

Die 14-Jährige selbst plant schon den nächsten Schritt: ein Studium an der Sporthochschule Köln, ein Stipendium in den USA, vielleicht sogar eine Olympia-Karriere – falls das IOC Twirling 2032 in Brisbane aufnimmt. Bis dahin bleibt die Halle in Zimmern ob Rottweil ihre Welt, 20 mal 40 Meter, Vinyl-Boden, Spiegelwand. Dort fliegt der Baton jeden Dienstag um 18 Uhr nach oben, und für 1,4 Sekunden steht die Zeit still. Dann klatscht Metall auf Haut, und Alisa lächelt – weil sie weiß, dass sie mit diesem Sport nicht nur Turniere gewinnt, sondern auch ein ganzes Land in Bewegung setzen kann.