Herthas 1:1 gegen bochum: das gute spiel, das wie eine niederlage tut

Hertha BSC dominiert, brilliert, tanzt – und kassiert in der Nachspieltime das 1:1. Das Ergebnis fühlt sich an wie eine Ohrfeige, obwohl die Mannschaft lange alles richtig machte. Berlin fragt sich: Was muss dieses Team noch tun, um endlich zu gewinnen?

Die erste halbe stunde war ein lehrstück

Stefan Leitls Elf legte los wie ein Junioren-Team, das die Playstation-Version von sich selbst spielt. Karbownik spulte rechts die Seitenlinie hoch, Sessa dirigierte mit lauen Außenrist-Pässen das Tempo, Kownacki riss die Zentren auseinander. Bochum stand tief, aber nicht kompakt – und hatte Glück, dass der VAR bei zwei Handspiel-Situationen pfeifschwieg. Die Führung fiel dennoch: Sessa schob aus 14 Metern ein, nachdem Cuisance die Verteidigung mit einem Haken öffnete, der aussah wie ein Kunstturn-Kunststück.

Doch schon vor der Pause schlich sich das bekannte Unbehagen zurück. Hertha kontrollierte den Ball, nicht das Spiel. Bochum wechselte auf Manndeckung, nahm Sessa aus der Partie und zwang Cuisance in die 50-50-Situationen, die ihn seit Bremen-Zeiten plagieren. Die Flügel blieben leer, weil Winkler fehlte und Reese auf der Tribüne saß. Die halbzeitliche Statistik: 67 Prozent Ballbesitz, zwei klare Chancen – und ein Gefühl von Unvollendung.

Der zweite durchgang war ein spiegelbild

Der zweite durchgang war ein spiegelbild

Was folgte, war kein Fußball, sondern ein Psychogramm. Hertha trat nicht mehr auf, sie verwaltete. Die Abstände wuchsen, die Laufwege verkürzten sich. Bochum warf Riemann nach vorne, Rösler schickte Ganvoula als zweite Spitze – und plötzlich war jeder lange Ball ein Stresstest für Kempf und Stark. Die Berliner Defensive stand zwar sicher, aber sie gewann keen ein Duell mehr als nötig. Die Fans sangen „Wir sind wieder wer“ – es klang wie ein Bittgebet.

Die 88. Minute: Karbownik blockt einen Schüss von Losilla, der Ball springt zur Ecke. Die Ecke wird kurz ausgeführt, Stafylidis flankt erneut, Ganvoula köpft, Ernst fälscht ab – 1:1. Der Schlusspfiff ertönt Sekunden später. Im Block der Ostkurve herrscht Stille, die Art von Stille, die wehtut.

Die tabelle lügt nicht – und die seele auch nicht

Die tabelle lügt nicht – und die seele auch nicht

Hertha bleibt Sechster, jetzt sieben Punkte hinter Platz drei. Die Relegation rückt in weite Ferne, weil die Konkurrenten nicht mehr stolpern. Der Blick auf die restlichen acht Spiele offenbart: Es kommt kein direkter Aufstiegsgegner mehr, aber auch kein Selbstläufer. Die Mannschaft muss lernen, dass gute Halbzeiten keine Punkte bringen – nur Tore tun das.

Fabian Reese, der Kapitän ohne Armband, steht nach dem Spiel vor der Südkurve und klatscht in die Hände der Fans. Sein Gesicht sagt: Ich kann nichts ausrichten von hier. Van Gogh hätte ihn gemalt – mit denselben schweren Pinselstrichen wie damals den Bauern auf dem Feld. Die Schwelle zur Ewigkeit ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Und es bleibt, bis Hertha endlich wieder gewinnt.