Langeweile statt lärm: manuel baums ungewöhnlicher matchday
Manuel Baumwartet nicht mehr auf den Anpfiff – er langweilt sich. Der Coach, der den FC Augsburg aus dem freien Fall in die Mitte der Tabelle katapultiert hat, sitzt 75 Minuten vor dem ersten Pfiff allein in seinem Büro, spielt Szenarien durch und betrachtet die Ruhe als Sieg der Vorbereitung. Kein lautes Pep-Talk, keine dramatische Umkleide-Show.
Der fußball-befähiger und sein taktik-spiel
Baum lehnt das Etikett „Fußball-Lehrer“ ab. Er nennt sich „Fußball-Befähiger“. Fehler sind für ihn „Learnings“, das Tor schießt er trotzdem nicht selbst. Sein größtes Learning: „Dass du als Trainer nicht die Tore schießt.“ Deshalb reduzierte er sich selbst auf das Wesentliche: Struktur schaffen, Variablen offenhalten, Spieler souverän machen. Am Spieltag selbst ist er Coach, nicht Prediger.
Die Zahlen sprechen für seine Methode. In zwölf Partien unter Baum holte der FCA mehr als doppelt so viele Punkte wie unter seinem Vorgänger Sandro Wagner in der gleichen Anzahl an Spielen. Der Vergleich interessiert Baum herzlich wenig. Er spricht stattdessen von Identität, von einem Stil, der schon in der U10 beginnt und bis in die Curva Süd reicht. „Die Leute wollen wissen, wofür der Club steht“, sagt er. Verlieren darf man, das Konzept muss trotzdem erkennbar bleiben.

Müllbeutel statt medienrummel
Nach 90 Minuten in Dortmund, 80 000 Fans, TV-Kameras, Pressekonferenz, kommt Baum nach Hause. Seine Frau wartet mit zwei Müllbeuteln. „Trag das bitte runter“, sagt sie. Kein Fan erkennt ihn im Treppenhaus, kein Selfie, kein Statement. Für Baum ist das keine Demütigung, sondern Erdung. „Ich bin dann Vater und Ehemann, nicht Bundesliga-Trainer“, erklärt er und lacht. Die Familie schaltet den Modus ab, der Klub schaltet den Modus an – und umgekehrt.
Seine Amtszeit als Chefcoach endet offiziell im Sommer. Baum will darüber nicht spekulieren. Sollte es kein neues Vertragspapier geben, kehrt er in die von ihm mit aufgebaute Position als Leiter Entwicklung und Fußballinnovation zurück. Dort kümmert er sich um Talente, Daten, Philosophie. Kein Wochengeschäft, kein Spieltagsdruck. Für ihn kein Rückschritt, sondern Homebase.

Die ruhe vor der hymne
Die letzten Minuten vor dem Anpfiff verbringt Baum mit sich selbst. Kein Rundgang durch die Kabine, keine Extra-Ansprache. Er griff zur Taktiktafel, notiert sich mögliche Wechsel, reagiert auf die Aufstellung des Gegners. „Wenn ich rastlos wirke, sende ich Unruhe“, sagt er. Die Spieler sollen spüren: Der Coach hat alles bedacht, jetzt sind sie dran. Erst wenn die FCA-Hymne erklingt, verflüchtigt sich die Langeweile. Dann bricht der adrenalingetriebene Matchday los – für Baum, für den Club, für 30 000 in der Arena.
Langeweile als Erfolgsrezept? In Augsburg funktioniert’s. Und solange die Punkte stimmen, wird niemand den Trainer bitten, endlich lauter zu werden.
