Raimund bricht weltcup ab: „ich springe nicht. den scheiß mache ich nicht mit“
Philipp Raimund dreht sich um und stapft vom Balken. Kein Sprung, keine Diskussion. Der Olympiasieger verlässt den Holmenkollen, während seine Kollegen in Böen und Windstörzen wie verrückte Tischtennisbälle durch die Luft flattern. „Ich springe nicht. Den Scheiß mache ich nicht mit“, sagt er knapp, und damit ist die Debatte beendet.

Die sekunde, die alles ändert
Minuten zuvor hat er gesehen, wie Felix Hoffmann nach 120 Metern Flug urplötzlich seitlich wegbricht, die Ski kreuzen, der Körper sich durchdreht. Die Landung ist ein Wunder, nichts bricht, aber etwas in Raimund kracht. Er denkt an seine Freundin, an das Baby, das vielleicht bald kommt, an das Haus am Tegernsee, an all die Leute, „die mich gerne wieder zu Hause haben“. Die Jury lässt den ersten Durchgang laufen, zwei Stürze, kein Tod, alles im Rahmen. Für Raimund ist der Rahmen gesprengt.
Der Deutsche zieht sich aus, zieht sich frei. Die Norweger winken durchs Ziel, applaudieren heimlich. Kristoffer Eriksen Sundal: „Wenn du dich nicht ganz wohl fühlst, solltest du auch nicht springen.“ Renndirektor Sandro Pertile sagt es noch seltener: „Wir drängen niemals einen Athleten.“ Die Formel klingt wie ein Seufzer. Denn sie wissen: Ohne Raimund fehlt der Weltcup sein Gesicht, ohne Gesicht sinken die Einschaltquoten.
Jetzt steht er im Mixed Zone, Haare nass vom Schneetreiben, Stimme ruhig wie vor einem Arzttermin. „Ich dachte an meine Freundin. Sie sagt immer: Sicherheit first.“ Er lacht, aber es klingt nicht komisch. Es klingt wie ein Mann, der gerade erkannt hat, dass Adrenalin nicht ewig bezahlt wird von Sponsoren, sondern irgendwann von den eigenen Knochen.
Die Entscheidung kostet Punkte, kostet Preisgeld, kostet vielleicht die kleine Kristallkugel. Aber sie kauft ihm etwas, das es in der Leistungswelt nicht zu kaufen gibt: eine Geschichte, die seine Familie an Weihnachten erzählt, ohne dass er dabei sterben muss. Die Windgeschwindigkeit in Oslo: 4,2 m/s Böen. Die Geschwindigkeit von Raimunds Herzschlag, als er den Rücken kehrte: unmessbar.
Der Weltcup wird nach einem Durchgang abgebrochen. Die Jury spricht von „Verantwortung“, die Athleten von „Lotterie“. Am Ende gewinnt der, der nicht springt. Und verliert der, der springt. So einfach ist Sport, wenn man ihn auf Leben und Tod rechnet.
