Kimmich schleudert lenny-karl in den orbit – und erklärt, warum musiala jetzt alleine kämpft

Joshua Kimmich hat am Dienstag zwei Dinge getan: einen 18-Jährigen in die Luft geworfen – und einen 22-Jährigen sanft auf den Boden zurückgeholt. Während Lennart Karl beim FC Bayern und im DFB-Tross noch nach Luft schnappt, pumpt der Kapitán schon mal Nachschub in seinen Selbstbewusstseinstank. „Mir ist das alles gerade scheißegal, was passiert“, zitiert Kimmich Karls Mindset – und meint das als Kompliment. Stolperfallen inklusive.

Karl reist mit der gelassenheit eines berliner kneipenwirts zur wm

35 Pflichtspiele, acht Tore, sechs Vorlagen – das klingt nach Leihstart, nicht nach Lebensversicherung. Doch Kimmich sieht mehr: „Er sucht seine Aktionen, er kennt seine Stärken, er will zum Abschluss kommen – und trifft auch noch.“ Kurz: ein Mittelfeldspieler, der sich selbst als Waffe begreift. Julian Nagelsmann hat ihn trotzdem erst nach Monaten des Geklapper überhaupt gelotst. Jetzt steht Karl in Basel vor dem Länderspieldebüt – und damit vor der Frage, ob seine Coolness auch gegen die Schweizer Pressingmaschine hält.

Die Antwort liefert vielleicht schon der erste Ballkontakt. Karl hat in der Bayern-Amplitude gelernt, dass Zeitlupe und Sprint gleichzeitig gehen können. Kimmich nennt das „mutig“. Gemeint ist: Er traut sich die Risikopässe, die andere erst mal sicher nach hinten umklappen. Genau diese Pausbacke fehlt dem DFB-Team seit Längerem. Kein Wunder, dass der Kapitän ihn schon als „Unterschiedsspieler“ in die WM-Planung einkalkuliert.

Musiala bleibt in der reha-umkleide – und wird trotzdem vermisst wie ein topscorer

Musiala bleibt in der reha-umkleide – und wird trotzdem vermisst wie ein topscorer

Während Karl angefeuert wird, sitzt Jamal Musiala im Münchener Leistungszentrum und kämpft mit dem Sprunggelenk, das ihn seit dem Januar-Comeback wieder ausbremst. Kimmich spricht es offen aus: „Er hatte eine sehr schwere Verletzung. Direkt wieder auf altem Niveau? Das ist selten.“ Die Klatsche gegen PSG in der Club-WM sitzt noch im Knochen. Musiala lief drei Monate später zurück – und merkte, dass Luxationen kein Stundenplan sind.

Dennoch: Auch aus der Ferne bleibt Musiala der Plan-Brecher. Kimmich zählt auf, was der 22-Jährige kann, was sonst keiner im Kader beherrscht: enge Dribblings in vollen Räumen, Ballannahmen mit Rücken zur Fahne, das Tempo-wechseln in der Mitte. „Qualitäten, die im Weltfußball selten sind“, sagt er – und meint damit, dass der DFB ohne ihn leichter ausrechenbar wird. Die Hoffnung: Musiala springt für die Endrunde wieder ein, als Joker mit 20 Minuten Turbo. Die Realität: Keiner traut sich zu nennen, wann das Gelenk endlich schmerzfrei bleibt.

Basel und stuttgart werden zum testlabor für nagelsmanns neue mitte

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Erst Schweiz, dann Ghana – zwei Gegner, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dieselbe Frage stellen: Wer vertikelt, wer verbindet? Karl darf sich neben Kimmich und Pascal Groß einreihen, ein Dreieck, das auf Papier ballorientiert ist, auf dem Rasen aber noch nicht gezeichnet. Gegen die Schweizer wird Karl lernen, wie schnell Umstellung auf Viererkette geht. Gegen Ghana folgt der Gegenentwurf: Pressing aus der Tiefe, Räume für vertikale Pässe. Nagelsmann will sehen, ob Karl in beiden Szenarien die Pausentaste findet.

Die Karten sind offen. Kimmich hat seinen Schützling in die Höhe getrieben, Musiala in Gedanken mitgenommen. In zwei Wochen, nach dem Ghana-Spiel, wird klar sein: Hat Karl sich einen Stammplatz erobert – oder war er nur ein Gast mit Sondergenehmigung? 180 Minuten, die über den WM-Kader entscheiden könnten. Die Uhr läuft. Karl tickt anders. Genau deshalb ist er plötzlich wichtig.