Kassel feiert aufstiegsträume, bad nauheim zittert – das derby wird trotzdem zur glut
Am Freitagabend sind die Scheinwerfer in der Eissporthalle Kassel schon um 19.30 Uhr heller als sonst. Nicht wegen der Tabelle – die ist längst klar –, sondern wegen eines Gefühls, das in Hessen seit Jahrzehnten die Pulsschläge beschleunigt: Derby ist Derby. Die Kassel Huskies haben die Playoffs sicher, der EC Bad Nauheim die Playdowns. Und trotzdem wird das Eis brennen.
Woodcroft will die glut mitnehmen
Todd Woodcroft, Kanadier mit slowakischem Pass und Olympia-Job im Gepäck, redet nicht über Punkte. Er redet über Energie. „Die Leute auf den Rängen bringen sie mit, diese Energie ist echt, sie schlägt aufs Gesicht und auf die Schlittschuhe“, sagt er und klingt dabei wie ein Mann, der weiß, dass genau diese Nächte seine Mannschaft reifen lassen. Kassel will seit Jahren zurück in die DEL, und die engen Rennen der vergangenen Saisons haben die Huskies wachsam gemacht. „Ausdauer ist Schmerz mit Adresse“, sagt Woodcroft. Disziplin sei das, was man wolle, wenn man bereits wisse, was man am meisten wolle. Freitag ist so ein Abend.
Die Halle wird wieder voll sein, 4.000 Fans, die den Atem der Gegenseite spüren wollen. Hunter Garlent, der mit acht Sekunden Overtime-Speed gegen Rosenheim den Playoff-Stempel setzte, wird zum ersten Mal seit diesem Knaller wieder auflaufen. Die Erinnerung ist frisch, das Selbstvertrauen roh. Bad Nauheim soll herhalten, damit Kassel seine Maschine schärfen kann.

Karhula sucht das selbstvertrauen im kühlschrank
Antti Karhula ist erst seit Februar Chef in Bad Nauheim. Der Finne hat das Derby noch nicht gespürt, aber er spürt schon, wie die Kabine zittert. Nach der 1:4-Pleite gegen Regensburg flüsterte er nur: „Same shit, different day.“ Gemeint: Chancen erarbeiten, nicht nutzen, Gegentor, Kopf hängt, nächstes Gegentor. Die Playdowns stehen fest, der Abstiegskampf auch. Karhula aber sieht eine Befreiung: „Vielleicht lockert es die Jungs, dass das Schicksal klar ist.“
Er trainierte diese Woche mit extra Videoeinheiten, in denen die Stürmer vor leeren Netzen scheiterten – nur um ihnen zu zeigen, dass der Puck auch reinfallen kann. Er will 60 Minuten Konzentration, nicht mehr und nicht weniger. „Das haben wir zuletzt nie geschafft, deshalb sind wir da, wo wir sind“, sagt er und meint die Playdowns, in denen plötzlich alles auf Null steht. Ein Sieg in Kassel wäre kein Punkte-Gewinn, sondern ein Seelen-Aufschlag.

Das eis wird knirschen, egal wofür
Die Statistik? Egual. Die Tabelle? Schon vergessen. In Hessen zählt nur, wer nach 60 Minuten den Kopf heben kann. Die Huskies wollen ihre Playoff-Maschine ölen, Bad Nauheim will beweisen, dass der Stolz nicht absteigt. Woodcroft und Karhula, Kanadier und Finne, stehen an ihren Banden und wissen: Ein Derby ist ein Spiegel. Wer hineinschaut, sieht entweder den Feind – oder sich selbst. Freitagabend wird das Eis knirschen. Und danach weiß jeder, wo er steht.
