Gabriele pins iranische flucht: 15 stunden angst, minus 18 grad, kein zurück

Gabriele Pin war gerade auf dem Weg zum Flughafen, als seine Spieler panikverzerrt schrieben: „Mister, die Leute rennen weg – Raketen fallen!“ Sekundenbruchteile später brach für den italienischen Coach die Welt zusammen, die er seit 2021 als technischer Leiter von Esteghlal Teheran aufgebaut hatte.

Ein handy-ping, dann alarmstufe rot

Der 64-Jährige wollte nach Dubai, ein freies Wochenende nutzen. Stattdessen landete er mitten im iranischen Krawall: Angriffe auf Atomanlagen, Khamenei soll tot sein, Luftangriffe 20 Kilometer vor Isfahan. „Die Bombe war ein Signal – die Stadt sollte sich leeren“, erinnert sich Pin. Der Verein schickte sofort einen Van, zwei Fahrer, ein Ziel: türkische Grenze, 1.600 Kilometer westwärts.

Die Nacht wurde zur Odyssee. Zivilisten plündern Supermärkte, tanken Benzinkanister fürs letzte Stück Freiheit. Straßen voller jubelnder Kids, weil Diktatoren-Sterben Gerücht heißt Revolution. Pin sitzt neben dem Fahrer, hält ihn wach, weil dessen Kopf schon nach 30 Sekunden nach vorn kippt. „28 Grad Start, minus 18 an der Grenze – wir hatten nicht mal Handschuhe dabei.“

Tabriz, van, istanbul – die fluchtroute

Tabriz, van, istanbul – die fluchtroute

Die Thermometer fallen, das Thermometer der Angst steigt. Pin und Torwart-Coach Branko zittern sich durch 15 Nonstop-Stunden, 2.600 Kilometer, 3-Kilometer-Schlangen an jedem Tankstellendings. Passkontrolle: Finger lila gefroren, Offizier zieht Jackett runter, holt Dokument selbst raus. „Esteghlal-Coach? Foto, bitte!“ – ein Selfie gegen freie Fahrt, ein paar Scheine wechseln andere Mitreisende.

Hinter Van, Türkei, wartet schon der Vanspor-Klubbus. Pin kauft trotz Erschöpfung sofort zwei Online-Tickets nach Istanbul, dann Bologna. Erst 36 Stunden später schläft er durch. „Für uns war der Alptraum vorbei – für meine Iraner gerade erst der Anfang.“

„Sie fürchten, dass man sie vergisst“

„Sie fürchten, dass man sie vergisst“

Pin telefoniert noch mit dem Hotel-Rezeptionisten, 22, Ingenieursstudent. „Er lernt Nachtschicht, weil man ihn nicht rauslässt. Seine größte Angst: Wenn die Kamera wegschwenkt, bleibt das Regime, bleibt das Schweigen.“

Der Trainer erzählt von Mahsa-Amini-Plakaten, von Professoren, die morgens verschwinden, von Schulbänken, die leer bleiben. „90 Millionen Menschen, 5 Millionen Wächter – und eine Jugend, die trotzdem auf die Straße rennt.“

Pin will zurück ins Spiel, vielleicht Italien, vielleicht wieder Asien. Hauptsache Fußball, Hauptsache keine Grenzen mehr. „Technik plus Taktik, das war schon immer unsere DNA. Die Welt ruft uns, weil sie weiß: Wir können Systeme lesen, auch wenn sie aus Raketen und Angst bestehen.“

Er lacht kurz, verbeugt sich Richtung Osten. „Esfahan ist halbe Welt, sagt ein Sprichwort. Die andere Hälfte liegt jetzt in meinem Koffer – und in den Herzen derer, die nicht fliehen konnten.“