Elektrostimulation: hype oder trainingsrevolution?

Sarah Michelle Gellar, einst Buffy gegen Dämonen, schwört jetzt auf eine elektrische Toga. Und sie ist nicht allein: Tom Holland und Cindy Crawford setzen ebenfalls auf EMS – Elektromuskuläre Stimulation. Verspricht die Technologie, stundenlanges Training in nur 20 Minuten zu ersetzen? Experten warnen vor übertriebenen Erwartungen.

Die wissenschaft hinter dem blitz

EMS ist im klinischen Bereich längst etabliert. Physiotherapeuten nutzen sie seit Jahrzehnten, um Patienten nach Verletzungen oder Operationen zu unterstützen, wenn normale Bewegungen noch nicht möglich sind. Das Prinzip ist einfach: Elektropulse stimulieren die Nerven, die wiederum die Muskeln zur Kontraktion bringen – ähnlich wie beim herkömmlichen Training. Der Unterschied liegt im Kontext: In Fitnessstudios ist nun die sogenannte whole body EMS auf dem Vormarsch. Dabei trägt man einen Anzug mit Elektroden an Armen, Beinen, Gesäß, Rücken und Bauch, während man Kniebeugen, Ausfallschritte und andere Übungen ausführt. Der Anzug pulsiert dabei und verstärkt die Muskelaktivierung.

Doch wie realistisch sind die Versprechungen, dass 20 Minuten EMS-Training einer Stunde im Fitnessstudio gleichkommen? John Noone, Sportwissenschaftler an der University of Limerick, analysierte die Thematik für The Conversation und kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Es ist komplizierter, als die Werbeversprechen suggerieren.

Die Forschung ist vielversprechend, aber noch nicht schlüssig. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2023 zeigte moderate Verbesserungen in Muskelmasse, Kraft und Leistung nach wöchentlichen EMS-Sitzungen über sechs bis zwölf Wochen. Auch eine Studie mit untrainierten Erwachsenen konnte Kraftzuwächse feststellen. Für Menschen, die sich kaum bewegen oder unter Gelenkschmerzen leiden, kann EMS eine sinnvolle Alternative darstellen, um die Muskeln zu aktivieren, ohne die Gelenke zu stark zu belasten.

Für bereits trainierte Personen sieht es jedoch anders aus. Eine Studie mit Sportlern ergab kaum oder keine Vorteile in Bezug auf Sprungkraft, Sprintgeschwindigkeit oder Agilität. Auch die Kraftsteigerungen waren inkonsistent. Der Grund: Wer regelmäßig trainiert, profitiert in der Regel mehr von bewährten Methoden wie Gewichtheben, Sprints oder Übungen mit dem eigenen Körpergewicht. Diese Methoden erzeugen starke, natürliche Muskelkontraktionen, ohne dass eine elektrische Stimulation erforderlich ist.

Noone betont, dass EMS kein Ersatz für die vielfältigen Vorteile regulären Trainings ist, die weit über den Muskelaufbau hinausgehen und auch das Herz-Kreislauf- und Stoffwechselssystem betreffen.

Risiken und kosten

Risiken und kosten

Ein weiterer Aspekt, der in der Werbung oft verschwiegen wird, sind die potenziellen Nebenwirkungen. EMS erzeugt starke, unwillkürliche Muskelkontraktionen. Übermäßiger Gebrauch kann zu Muskelkater oder im schlimmsten Fall zu einer Rhabdomyolyse führen – einem Zustand, bei dem sich Muskelgewebe schnell abbaut und Proteine ins Blut freisetzen, was die Nieren schädigen kann. Noone rät daher zu einem langsamen Einstieg, ausreichender Flüssigkeitszufuhr und der Durchführung unter professioneller Aufsicht.

Nicht zuletzt spielen die Kosten eine Rolle. EMS-Sitzungen sind teuer, und der Kauf eines Anzugs für den Heimgebrauch noch teurer. Für diejenigen, die es sich leisten können, sollte EMS als Ergänzung, nicht als Ersatz, für regelmäßiges Training betrachtet werden. Die wissenschaftlichen Beweise für eine Verbesserung von Gesundheit, Fitness und Körperzusammensetzung stammen weiterhin von einfachen und konsequenten Gewohnheiten: ein paar Mal pro Woche Gewichte heben, mehr laufen, Fahrrad fahren, schwimmen oder joggen.