Christian dobrick bricht schweigen: erster bundesliga-trainer outet sich als schwul

Der Nachwuchs von FC St. Pauli trainiert ab sofort unter einem offenen Schwulen. Christian Dobrick, 29, sagt es laut, was längst in Kabinen und Büros gemurmelt wurde – und schlägt ein Loch in die Mauer des Schweigens, die den deutschen Profifußball noch immer umgibt.

Bei einem kaffee mit klopp platzte der knoten

Der Auslöser war ein Satz. Dobrick saß 2024 in Salzburg bei einem Workshop, Jürgen Klopp stand vor Nachwuchstrainern und erklärte: „Du kannst als Trainer sein, wer du willst, aber du musst für etwas stehen.“ Für Dobrick klickte es. „Da wusste ich: Ich will für mich selbst stehen, nicht für eine Version, die ich improvisiere, wenn Kollegen von Frauen reden“, sagt er im Gespräch mit RTL und stern.

Seit Sommer 2025 leitet er die U19 des Kiezclubs, davor arbeitete er bei RB Salzburg, TSG Hoffenheim und Holstein Kiel. Überall hütete er sein Geheimnis wie eine gelbe Karte. „Ich habe Wortakrobatik betrieben, einen rhetorischen Eiertanz aufgeführt, nur damit niemand merkt, dass ich nach Feierabend nicht zur Stammbar, sondern nach Hause zu meinem Freund gehe.“

Homophobie sitzt tiefer als grasnarbe

Homophobie sitzt tiefer als grasnarbe

Der Begriff „Schwuchtel“ fliegt ihm noch immer um die Ohren, wenn sich ein Spieler über ein harsh Foul beschwert. „Das Wort ist seit Jahrzehnten im Fußballvokabular eingesickert, es klebt wie ein Grasfleck an der Hose. Nur dass dieser Fleck keine Waschmaschine kennt“, sagt Dobrick. Die Folge: Talente verschwenden Energie für Probleme, die nichts mit Taktik oder Technik zu tun haben. „Wir verlieren Spieler, bevor sie ihre erste Profiminute haben, weil sie sich verstecken statt dribbeln.“

Statistisch gesehen müssten in der Bundesliga rund 30 Spieler schwul sein – geoutet ist kein einziger. Dobrick lacht bitter: „Die Quote liegt bei null Komma null. Das sagt mehr über die Ligenstruktur als über die Sexualverteilung in der Bevölkerung.“

St. pauli liefert das netz, nicht das korsett

St. pauli liefert das netz, nicht das korsett

Kurz nach seinem Coming-out rief Clubpräsident Oke Göttlich persönlich an. „Er sagte: ‚Wir stehen hinter dir, Punkt.“ Kein PR-Sprech, keine Gegenforderung, keine Schweigeklausel. Dobrick schickte seine Story an die Mannschafts-WhatsApp-Gruppe. „Antwort binnen zehn Minuten: 22 Daumen-hoch-Emojis und ein GIF von Bert aus der Sesamstraße, der einen Handstand macht. Das ist mein Klima.“

Mitte Mai fährt die U19 nach Kiel, Gegner und Eltern werden ihn sehen – mit Regenbogenbinde statt Schweigekappe. Dobrick fürchtet keine Pfiffe: „Wenn ein Vater lieber über mein Bett als über die Abseitsfalle motzt, haben wir größere Probleme.“

Seine botschaft ist keine predigt, sondern eine einladung

Seine botschaft ist keine predigt, sondern eine einladung

„Spring ins kalte Wasser und schwimm“, rät er allen, die noch zögern. Kein Pathos, kein Statement-Sweater. Einfach: Trainieren, lieben, gewinnen – in genau dieser Reihenfolge. Dobrick hat keine Lust, zum Märtyrer gekürt zu werden. „Ich bin kein Symbol, ich bin ein Trainer mit Punkteschnitt 2,1 und einer Leidenschaft für Angriffspressing.“

Die nächste Generation wird seinen Namen nicht mit „der Schwule Trainer“ assoziieren, sondern mit der Übung, bei der man nach Ballgewinn in fünf Sekunden trifft. Dobrick zückt die Stoppuhr: „Jetzt geht’s, Jungs. Keine Zeit für alte Angst.“