Donnarumma zerreißt nicht nur einen zettel – er zerreißt das italienische herz
Gianluigi Donnarumma stand im Strafraum von Zenica, zerrte an einem Notizzettel und riss damit nicht nur Bosnien-Herzegowina die Tickets für die WM, sondern auch Italien die Seele heraus. 2:5 nach Elfmeterschießen, das dritte verpasste Turnier in Folge, ein Albtraum mit Handschrift des Keepers, der einst die Euro 2020 trug.
Ein zettel, ein kopfstoß, ein k.o.
Was genau auf dem Zettel von Nikola Vasilj stand, wird wohl nur der St.-Pauli-Torwart und seine Mitwisser wissen. Sicher ist: Donnarumma klaute ihn, blickte darauf, zerrte – und plötzlich war Vasilj außer sich, Turpin zückte Gelb, das Bosnien-Tor jubelte, das italienische brach. „Hat er ihn jetzt zerrissen?“ fragte sich schon DAZN-Experte Rieker. Die Antwort lautet: Ja. Und mit ihm die italienische WM-Teilnahme.
Doch das war nur ein Akt in diesem Theater. Kurz vorher, nach Bastonis Rot wegen Notbremse, war es Donnarumma selbst, der mit Amar Dedić aneinandergeriet. Ein leichter Kopfstoß, ein bisschen Pöbelei, genug, dass Fuß im Kollegsender konstatierte: „Völlig überflüssig.“ Gelb auch hier – und das in der 81. Minute, kurz nach dem Ausgleich von Tabakovic. Die Kurve des Spiels zeigte nach oben für Bosnien, nach unten für Italien.

Pio esposito und der fehlstart ins nichts
Während Donnarumma sich mit Zetteln und Gegenspielern beschäftigte, verschoss Pio Esposito den ersten Elfmeter der Squadra Azzurra. Über die Latte. Esposito, 21, eigentlich als Joker gedacht, wurde zur tragischen Figur. Auch Bryan Cristante scheiterte, nur Sandro Tonali traf. Auf der Gegenseite verwandelten Tahirovic, Tabakovic, Alajbegovic und Bajraktarevic eiskalt. Die Prozedur dauerte nicht einmal fünf Minuten, reichte aber, um ein ganzes Land zu erfrieren.
In der regulären Spielzeit hatte Moise Kean nach einem Bock von Vasilj die Führung erzielt, doch mit einem Mann wenig auf dem Platz war Italien auf Dauer gestellt. Tabakovic köpfte in der 79. Minute zum verdienten Ausgleich. Edin Dzeko, Schalkes Legende, fehlte im Elfmeterschießen – Schulterverletzung in letzter Sekunde der Verlängerung. Symbolik pur: Selbst der alte Kämpfer konnte die Italiener nicht mehr retten.

Ein land, das sich selbst erneut verliert
Italiens Drama ist komplett: 2018 die verpasste WM in Russland, 2022 das Fiasko in Katar, nun 2026 der Absturz in Zenica. Kein Land der Erde trägt so viele Sterne auf der Brust und so viele Risse im Herzen. Nach dem Schlusspfiff tobte Donnarumma noch gegen Dzeko, der mit bandagierter Schulter am Rand stand und nur noch den Kopf schüttelte. Die Bilder gehen um die Welt: ein Gigant, der sich an einem Stück Papier vergreift – und am Ende an seiner eigenen Geschichte.
Für Bosnien-Herzegowina ist es das erste WM-Ticket seit 2014, für Italien der dritte Winter ohne ihre Farben. Die Zahlen sind gnadenlos: drei Turniere, null Siege, null Titelchancen. Die Fazit-Frage bleibt dieselbe: Wie konnte ein Team mit Donnarumma, Tonali, Kean erneut scheitern? Die Antwort liegt nicht im System, nicht im Trainer, sondern in den Momenten, in denen Stars vergessen, dass der Gegner auch spielt. Donnarumma wird die Nacht brauchen, um den Zettel wieder zusammenzukleben. Die Nation braucht länger.
