Carlos d'ambrosio zerstört rekord: 200 m in 1:40,69 – italiens neue schwimm-sensation
1:40,69 Minuten. Die Zeit, die Carlos D’Ambrosio in Riccione stoppte, klingt wie ein Tippfehler. Doch die Anzeigetafel blinkte lange genug, um jeden Zweifler zum Schweigen zu bringen. Mit dieser Zahl jagt der 19-jährige Freistil-Flitzer nicht nur Thomas Ceccons Cup-Bestmarke aus Toronto in die Tonne, sondern pulverisiert auch Alessandro Miressi’s seit 2017 unangetastetes Meeting-Rekord-Monument um fast vier Sekunden.
Die sekunde, die alles veränderte
Draußen tobte ein lauwarmer Märzsonntag, drinnen im 25-m-Becken tobte D’Ambrosio. 23,8 s für die erste Bahn, 49,5 nach 100 – Zahlen, die selbst eingeschworene Bundestrainer ins Stottern bringen. „Ich habe heute einfach mein Limit gesucht und es nicht gefunden“, sagte er nach dem Rennen, die Stimme noch rau vom Sauerstoffmangel, die Augen klar wie Polizeiglas. Kein Pathos, nur ein Fakt: Das italienische Kurzbahn-Regelwerk muss neu gedruckt werden.
Die Standing Ovations im Palazzo dello Sport waren laut, aber nicht laut genug, um das Surren in seinem Kopf zu übertönen. Seit zwei Jahren trainiert D’Ambrosio im Centro Federale Verona unter Luca De Monte. Früher war er der Neapolitaner mit den groben Technik-Fehlern, heute ist er der Finanzbeamte, der seine eigenen Gesetze schreibt. „Mein Vater schickte mir nach jedem Training eine Sprachnachricht: ‚Ricorda, il record è solo un punto di partenza‘“, verrät er.

Von neapel nach verona – mit zwischenstopp havanna
Carlos ist halb Kubaner, halb Neapolitaner, zur Gänze Italien. Seine Mutter Maria brachte ihm Spanisch bei, bevor er überhaupt schwimmen konnte, der Vater Giuseppe die Leidenschaft für den SSC Napoli. Mit 13 wechselte er vom CN Posillipo ans Meer, statt Vesuv kam die Arena. Die Familie folgte dem Traum, nicht dem Geld. „In Verona wurde mir klar, dass Talent nichts wert ist ohne Mikro-Ziele“, sagt er und tippt sich gegen die Stirn. Die Kubakennenlernreise 2019 war seine Belohnung: „Dort habe ich gelernt, dass Wasser überall gleich salzig schmeckt, wenn man willensstark genug ist.“
Die Zahlen sind eindeutig: 1:40,69 bedeutet 0,91 Sekunden schneller als Ceccon, 3,81 Sekunden schneller als Miressi. Was kein Computer verrät: hinter der Zeit steckt ein 19-Jähriger, der vor jedem Start WhatsApp-Stimmememos an seine verstorbene Großmutter schickt – ausgerechnet an jene Frau, die ihn einst zum Schwimmkurs in Piscina Scandone zwang, weil Fußball ihr zu gefährlich war.

Was kommt nach dem rekord?
In Riccione will D’Ambrosio noch über 50 m und 100 m Freistil starten, eventuell auch 100 m Schmetterling. Die Saisonziele liegen aber längst jenseits der Kurzbahn. Paris 2024 ist kein Wunsch, sondern eine Pflichtaufgabe. Bundestrainer Cesare Butini ließ nach dem Rennen durchblicken, dass man über einen Einsatz in der 4×200-m-Staffel nachdenke – bisher ein Domäne der „alten“ Garde um Marco De Tullio. Die Aussage: „Wenn er so weiterschwimmt, muss ich meine Taktik komplett überdenken.“
Die Sportwelt redet von einem neuen Schwimm-„Wonderboy“, doch Carlos selbst bleibt knallhart. „Rekorde sind wie Vesuv-Asche: Sie sieht spektakulär aus, aber der Boden darunter ist noch heiß.“ Mit anderen Worten: Der 1,96-m-Mann will mehr. Nicht nächste Woche, sondern morgen. Denn was in Riccione passierte, war laut D’Ambrosio nur „die Trailer-Vorschau“.
Die Uhr stoppte 1:40,69 – und startete gleichzeitig eine neue Ära. Für Italien, für den Freistil, für einen Neapolitaner mit kubanischem Herzschlag, der beweist: Schneller kann man nicht nur schwimmen, sondern auch erwachsen werden. Die nächste Bewährungsprobe folgt bereits am Freitag bei den offenen Regionalmeisterschaften. Dann wollen alle wissen, ob das Wunder von Riccione eine Eintagsfliege war oder der Beginn einer Ära, in der 1:39 plötzlich realistisch klingt. Die Antwort liegt im Wasser – und Carlos D’Ambrosio ist schon drin.
