Barcelona zählt runter: nur noch 100 tage bis der tour-peloton durch ihre straßen peitscht
Die Avenida de la Reina Maria Cristina leuchtete plötzlich Gelb. Kein Stadion, kein Siegerpodest – nur ein riesiges Zahlendisplay, das „100“ blinkte und damit den Countdown für den 4. Juli 2026 einläutete. An diesem Tag rollt der 113. Tour de France in Barcelona los, und die katalanische Hauptstadt verwandelt sich in die größte Fahrradbühne der Welt.

Indurain warnt pogacar vor zu viel ruhmblitz
Miguel Indurain, der Mann, der fünf Mal in Paris in Gelb einbog, stand mittendrin, aber nicht im Zentrum. Er sprach mit RMC Sport, ließ die aktuelle Heldenriege Revue passieren und zog dabei eine klare Linie: „Tadej Pogacar ist der Beste im Peloton, mehr nicht.“ Kein „beste aller Zeiten“, kein Hype, nur nüchterne Feststellung. „Er jagt Spektakel, das ist sein Naturell. Die Einzelzeitfahren aber, die werden ihm die Sekunden liefern, die er braucht.“
Die Frage, ob der Slowene bereits die Legenden-Trias Merckx–Hinault–Anquetil einholt, wischte Indurain mit einem Schulterzucken beiseite. „Palmarès? Aufbauen kann er eins, ja. Aber vergleichen? Das macht erst der Zeitungsdruck, nicht das Rad.“
Stattdessen schob er einen anderen Namen in den Vordergrund: Paul Seixas. 19 Jahre, französischer Strassen-Meister, neues Aushängeschild von Decathlon–AG2R. „Talent, klar. Aber er soll langsam trinken, nicht schlucken.“ Indurain selbst war 20, als er erstmals den Mont Ventoux attackierte. „Tour lernen heißt: fallen, aufstehen, verlieren, gewinnen – alles in drei Wochen. Seixas braucht diese Schule, nicht die Schlagzeile.“
Barcelona spielt dabei die Rolle des Klassenzimmers mit 500.000 Zuschauern an der Strecke. Die Stadt verlegt bereits Busspuren, rüstet die Ramblas mit Luftbrücken aus, damit die Kameras den Blick auf die Sagrada Família frei haben. „Wir wollen, dass der Grand Départ hier seine DNA bekommt – mediterran, verrückt, laut“, sagt Bürgermeister Jaume Collboni. Die Rechnung: 150 Millionen Euro Umsatz für Hotels, Restaurants und die verrückte Fahrradindustrie, die in Katalonien jeden dritten Arbeitsplatz sichert.
100 Tage sind eine Ewigkeit im Radsport. Ein Sturz, ein positives Testergebnis, ein Streik der Bergarbeiter in Andorra – alles kann die Route sprengen. Aber die Uhr tickt, und mit jedem Tag wird das Gelb intensiver. Am 4. Juli geht es los, und Barcelona wird sich in ein einziges Radstadium verwandeln. Dann zählt nicht mehr das Palmarès der Vergangenheit, sondern wer als Erster über die Linie brettert – vielleicht Pogacar, vielleicht Seixas, vielleicht ein Komplett-Outsider. Die Stadt ist bereit, das Peloton auch. Die Frage ist nur: wer trägt nach 21 Etappen das letzte Gelb in Paris? Die Antwort steht in 100 Tagen fest – und kein Countdown der Welt kann sie beschleunigen.
