Calafiori schmettert vor nordirland-kracher: „gattuso ruft öfter als mama“
Riccardo Calafiori hat keinen Millimeter Sand im Getriebe. 48 Stunden vor dem Playoff-Finale gegen Nordirland donnert der 22-Jährige durch die mixed zone von Florenz und liefert den Soundtrack, den Italiens gestrandete Nationalmannschaft dringend braucht: „Es liegt an uns. Punkt.“
Die Aussage ist kein inhaltsloses Motivationsplakat, sondern direkt aus dem Trainingsplatz von Coverciano gebohrt. Der Verteidiger von Arsenal FC spricht mit der Stimme eines Mannes, der in den letzten Monaten mehr Telefonate von Gattuso erhielt als von seiner eigenen Mutter. „Er hat mich durchgehend am Handy gehabt, als ich in London kaum Spielzeit sah. Jeden zweiten Tag. Das zählt“, sagt Calafiori und streicht sich durch die mittlerweile legendäre Lockenmähne.
Die versteckte schwäche der nordiren
Die Analysten von Sky Italia haben es bestätigt: Nordirland trifft auf Standards zu 38 % seiner Tore. Calafiori lacht kurz auf, als er die Zahl hört. „Dann wissen wir, wo wir sie treffen. Zweite Bälle, dritte Bälle, wir müssen sie wegschlagen wie Fliegen.“ Die Kurzschlussreaktion klingt simpel, ist aber Teil eines Plans, der Italiens gesamte Defensive neu verzahnt. Seit Gattuso die Führung übernahm, kassierte die Squadra Azzurra nur noch 0,7 Gegentore pro Partie – Tendenz fallend.
Der 1,88-Meter-Mann will die Statistik nicht schönreden. „Wir haben in den vergangenen zwei Jahren zuviel Leerlauf gespielt. Das ist vorbei.“ Dabei schlägt er mit der flachen Hand gegen die Wand, als wolle er die vergangenen Patzer aus dem Körper schlagen. Die Geste wirkt, als hätte er das EM-Aus gegen Nordmazedonien noch in den Knochen.

Buffon, bonucci und die rechnung, die gattuso zog
Abends zuvor saß Calafiori zwischen Buffon, Bonucci und dem Coach in einem Osteria in Florenz. „Gattuso hat die Rechnung bezahlt – und uns dafür Geschichten geliefert, die kein Buch drucken würde.“ Der Innenverteidiger schwärmt von „anekdotischem Gold“, das die Generationen verbindet. Buffon erzählte vom WM-Triumph 2006, Bonucci vom Malus-Knüller gegen Spanien, Gattuso von der Wut, die ihn nach dem CL-Finale 2005 wach bis fünf Uhr morgens ließ. „Wir jungen Spieler haben nur zugehört und gelernt: Emotion schlägt Taktik, wenn sie echt ist.“
Die Stimmung sei „nicht wie vor einem Finale, sondern wie vor einem Finale, das wir schon gespielt haben“, sagt er und meint damit die mentale Vorbereitung. Gattuso hatte die Mannschaft in drei Trainingsblöcke zerlegt: Körper, Kopf, Kontingenz. Letzter Block: Was passiert, wenn Nordirland in Führung geht? „Wir haben 90 Minuten plus Nachspielzeit simuliert, in der wir mit 0:1 zurückliegen. Dreimal. Die Jungs haben jedes Mal gedreht.“

Der champions-league-faktor, den keiner berechnet hat
Calafiori ist der einzige italienische Feldspieler, der noch in der Königsklasse spielt. „Die Intensität ist ein anderer Sport“, sagt er und beschreibt, wie Arsenal in der Gruppenphase gegen Paris Saint-Germain innerhalb von 48 Stunden die gesamte Spielidee veränderte. „Wenn du das Level kennst, nimmt dir keiner mehr die Luft weg.“ Die Statistik gibt ihm recht: In den letzten 15 Spielen mit Calafiori in der Startelf kassierte Italien nur vier Gegentore.
Die Frage nach der WM-Generalprobe beantwortet er mit einem Schnauben. „Wir haben gegen Estland 5:0 gewonnen – und trotzdem wurde gejammert. Das ist der Beweis: Erwartungen sind Luxus, den wir uns nicht leisten können.“
Am Ende des Interviews richtet er den Blick nicht nach oben, sondern auf den Boden, als würde er die Linie suchen, die ihn von der Jugend zum Profi brachte. „Wir sind 26 Jungs, die als Kinder auf dem Platz standen und träumten, in Amerika zu spielen. Jetzt liegt der Ball 20 Meter vor uns. Wer ihn nicht tritt, ist selbst schuld.“
Die Uhr im Presseraum schlägt 15:26. In 27 Stunden trifft Calafiori in Bergamo auf Nordirland. Kein Spieler verlässt das Gebäude, ohne dass die letzte Frage kommt: „Was passiert, wenn ihr scheitert?“ Calafiori dreht sich um, lässt die Sonnebrille runterrutschen und sagt: „Dann haben wir trotzdem mehr erlebt als jede andere Generation seit 2006. Aber wir werden nicht scheitern.“
Die Tür fällt ins Schloss. Draußen wartet die Kurve. Und irgendwo in London klingelt ein Telefon – vermutlich Gattuso.
