Blübaum stürzt ins wm-rennen: 35 jahre deutscher schach-dürre sind vorbei

Matthias Blübaum spielt ab Sonntag auf Zypern um den Thron – und lässt ein ganzes Schachland aufhorchen. Der 28-jährige Bielefelder ist der erste Deutsche seit Robert Hübner 1991, der sich für das Kandidatenturnier qualifiziert hat. 14 Runden, 19 Tage, ein Ticket gegen Weltmeister Gukesh. Der Underdog mit der Mathe-Promotion kann die Königsklasse erschüttern.

Vom master in mathe zum brett-krieger

Blübaums Vita liest sich wie ein Spiegelbild des deutschen Schachproblems: Großmeister mit 17, aber kein sicheres Preisgeld. Erst nach dem Master 2022 wagte er den Sprung in die Vollzeit. Die Rechnung ging auf. Sieg beim Grand Swiss, Platz zwei hinter Nakamura, Einladung nach Wijk aan Zee – dort schlug er Top-Ten-Größen und kletterte auf Rang 31 der Welt. Vincent Keymer, Deutschlands Medienliebling, schaut von oben plötzlich auf den Kollegen aus Lemgo.

Die 86 000 Euro an Sponsor- und Crowd-Geld, die ihm das Bundeswirtschaftsministerium, der Schachbund und private Fans zuschoben, machen die Vorbereitung zum Luxus-Camp. Zum ersten Mal hat Blübaum ein Sekundanten-Team, das seine Gegner zerlegt. „Früher hab ich allein im Hotelzimmer analysiert, jetzt jage ich mit Jungs aus Indien und Norwegen Varianten durch Engine-Clouds“, sagt er und lacht, „fühlt sich an wie Fußball-Videoanalyse, nur stiller.“

Die deutsche schach-singularität

Die deutsche schach-singularität

Warum erst wieder 2026? In Indien wachsen Talentbäume, in Deutschland veröden sie. Keine strukturierte Nachwuchs-Liga, keine Stipendien, dafür hohe Mieten. Blübaum nennt das „Sicherheitsfalle“. Wer sich nicht früh aufs Spiel stürzt, landet im Studium. Er selbst schlägt sich mit der Feststellung heraus: „Schachprofi ist hier kein Job, es ist ein Wagnis.“ Jetzt, da die Preisgelder stimmen, will er nachlegen – und beweisen, dass Risiko auch Rendite heißen kann.

Mutter Marianne spürt den Druck. „Er schläft schlechter, isst weniger, aber er will diese Story schreiben.“ In der Garage steht noch das alte Holzbrett, auf dem er mit acht Jahren schon Bauernopfer übte. Dort wird auch der nächste Zug geplant: unauffällig Eröffnung, dann Mittelspiel-Explosion. Blübaum glaubt, dass die Favoriten Caruana, Ding und Firouzja gegen ihn ins Overplay laufen könnten – und er ihre impulsiven Linien mit präzisen Gegenschlägen bestraft.

Die 14 schach-k.o.-s

Die 14 schach-k.o.-s

Turnierstart ist Sonntag 15 Uhr Ortszeit, erste Partie mit Weiß gegen den Franzosen Vachier-Lagrave. Blübaum will nicht „nur dabei sein“. Er will den Schach-Olymp stürmen und Deutschland endlich wieder aufs Weltgipfeltreffen führen. Gewinnt er, folgt im Herbst ein Match gegen Gukesh – einen 19-jährigen Inder, den viele für angreifbar halten. Die Chance ist real. Die Rechnung ebenfalls: Ein WM-Kampf bringt rund eine Million Euro Preisgeld.

Am Ende zählt nur das 64-Felder-Brett. Blübaum hat 19 Tage, um 35 Jahre deutschen Schach-Dürre zu beenden. Die Uhr tickt – und Deutschland schaut zum ersten Mal wieder hin.