Blind, bergauf, bombenschnell: giacomo bertagnolli jagt morgen den nächsten slalom-kracher
Morgen, 13. März, steht Giacomo Bertagnolli im Riesenslalom der Paralympics erneut am Start – und alle reden nur über ihn. Der 27-jährige Italiener mit dem zehntel-Sehvermögen ist längst keine Geheimwaffe mehr, sondern die personifizierte Vorstellung davon, was passiert, wenn Talent auf pure Willensstärke trifft. Seit PyeongChang 2018 hat er jeden Sprint, jede Kurve, jeden Startrekord auf sich gerichtet. Elf Medaillen hat er schon, vier davon Gold. Die nächste Jagd beginnt um 09.30 Uhr auf der Black Forest-Piste.
Von eishockey-stürmer zum ski-raketenmann
Die Ironie: Bertagnolli hätte beinahe gar nicht auf Skiern gestanden. Bis zwölf war er Eishockey-Torjäger in Cavalese, im Val di Fiemme. „Der Puck wurde schneller, meine Augen konnten nicht mithalten“, sagt er knapp. Ein Artikel über Behinderten-Sport versetzte den Jungen in Fahrt. Sein Vater recherchierte, kontaktierte die Fisip – und schon ratterte Giacomo die ersten Parcours hinunter. Das Timing war perfekt: Die OPA1-Genschwäche, die ihm kaum mehr als Silhouetten lässt, stellt im Slalom keinen Nachteil dar, wenn der Guide perfekt funkt. Sein langjähriger Partner Andrea Ravelli brilliert mit 145 Kommandos pro Lauf. Vertrauen ist hier die schnellste Kante.
Die Zahlen sprechen für sich: 39 Weltcup-Siege, fünf Gesamtwertungen, zweimal Athlet des Jahres in Italien. Doch der Höhepunkt blieb Peking 2022. Er trug die Fahne, holte erneut vier Medaillen und ließ den Triumph von 2018 Revue passieren. „Sich zu bestätigen ist schwieriger als der erste Sieg“, sagt er. „Die Erwartung schlägt dir auf die Schultern.“

Madonna di campiglio und die 3tre: ein statement mit signalwirkung
Fast nebenbei fuhr er als Vorbildläufer die legendäre 3Tre herunter – in einer Norm-Weltcup-Abfahrt. Kein Zuschauer ahnte, dass der Mann voran nur ein Zehntel sehen kann. „Ich wollte zeigen, dass Paralympics kein Paralleluniversum sind“, sagt er. Die Organisation ließ ihn beide Läufe absolvieren – Premiere für einen paralympischen Athleten. Sein Vater filmte mit dem Handy, die Familie weinte, die Fans jubelten. Ein kleiner Schritt für die Alpine, ein großer füreinander.
Abseits der Piste schraubt er an einem altimer Fiat 500, liebt Moto-GP-Technik und reist mit dem Rucksack durch Nepal. Sportpsychologen attestieren ihm eine „seltene Kombination aus Gelassenheit und Rasanz“. Er selbst lacht das weg: „Ich sehe eh nur halb, da muss ich schneller fühlen.“

Morgen gegen aigner – ein kopf-an-kopf-rennen mit geschichts-anspruch
Sein Lieblingsrivale Johannes Aigner aus Österreich ist momentan in Bestform. Die letzten drei Riesenslälume gewann der 20-jährige Tiroler. „Er pusht mich“, sagt Bertagnolli. „Ohne ihn wäre ich wohl schon im Rentenmodus.“ Die FIS rechnet mit Zielzeiten unter 1:49 Minuten, Tiefschnee wurde nachträglich aus der Piste gegraben, damit die Geschwindigkeit steigt. Die Wetterlage: strahlend sonnig, minus drei Grad. Perfekte Bedingungen für einen Showdown, der in die Geschichtsbücher eingehen könnte.
Italiens Paralympics-Delegation hat extra eine Live-Übertragung in die Heimatdörfer organisiert. In Cavalese dreht sich morgen alles um eine einzige Frage: Schafft Giacomo die fünfte Gold-Single? Die Wette der Buchmacher: 1,95. Die Quote für ein Podest: 1,05. Die Stimmung im Ort: elektrisch.
Um 11.15 Uhr steht die Siegerehrung an. Sollte er gewinnen, winken nicht nur Medaille Nummer zwölf, sondern auch ein neuer Vertrag mit Audi, der seinen Fiat 500 in ein e-Tron-Cabrio verwandelt. Die Karriere danach? „Erst mal sehen, wie schnell ich morgen die letzte Torbine nehme“, sagt er grinsend. Dann holt er tief Luft, spürt die Kälte in der Lunge und denkt an das Kommando seines Guides: „Los, jetzt Gas!“ Die Uhr tickt. Die Welt schaut auf Cavalese. Und Giacomo Bertagnolli sieht nur die nächste Kurve – klar wie nie.
