Bittencourt schlägt zurück: 300. bundesliga-spiel wird zum befreiungsschlag
Leonardo Bittencourt war abgeschrieben, verbannt, zum Fan degradiert. Dann lief er in Wolfsburg zu seiner 300. Bundesliga-Partie auf und schoss Werder Bremen mit einem 1:0-Sieg aus der Bedeutungslosigkeitzurück in die Realität. Die Bremer liegen nun sieben Punkte vor dem ersten Abstiegsplatz – und plötzlich steht der 32-Jährige wieder im Zentrum.
Der ausgesteuerte, der nicht kapitulierte
Unter Horst Steffen war Bittencourt sogar aus dem Kader geflogen. Der Club hatte im Dezember verkündet, dass er nach sieben Jahren keinen neuen Vertrag bekommt. Die Karriere schien gelaufen, Brasilien-Interesse nur ein Alibi. Doch Daniel Thioune setzte ihn gegen Mainz und in Wolfsburg wieder auf – und Bittencourt lief 90 Minhen lang wie ein Rookie, der seine letzte Chance nutzt. „Wir haben alles reingeworfen und das Glück auch ein bisschen erzwungen“, sagte er nach dem Spiel, das Wappen klopfend, die Mitspieler applaudierend.
149 seiner 300 Einsätze absolvierte er für Werder. Die anderen 151 verteilten sich auf Cottbus, Dortmund, Hannover, Köln und Hoffenheim. Dreimal stieg er ab – 2018 mit Köln, 2021 mit Werder. Ein dritter Abstieg passt nicht ins Bild. „Ich bin hier zum Fan geworden“, sagt er, und das klingt nicht nach PR-Sprech, sondern nach einem Mann, der weiß, dass er bald nur noch Gast auf dem Osterdeich sein wird.

Die zukunft bleibt offen – und das ist gut so
Brasilianische Klubs winken, aber Bittencourt schließt einen Verbleib in der Bundesliga nicht aus. „Ich bin ein Bundesliga-Kind“, sagt er und lässt die Türe nach oben offen. Maximal sieben Spiele bleiben, um den Klub zu retten und sich selbst ein letztes Mal in Szene zu setzen. Die Zahlen sprechen für ihn: Drei Tore, vier Vorlagen in 1.100 Minuten – kein Weltklassewert, aber ein Charakterwert, wenn der Coach auf Lynen und Stage verzichten muss.
Am Sonntag stand er im Volkswagen-Stadion, schlug sich die Hand ans Herz und feierte mit Fans, die ihn vor Wochen noch vergessen hatten. Ein Bild, das sich in die Werder-Geschichte einreiht: Spieler, die erst gezählt werden, wenn sie gehen. Wenn er im Sommer die grün-weiße Kabine verlässt, bleibt eine Erkenntnis: Fußball vergisst schnell, aber er verzeiht auch. Und Bittencourt hat sieben Spiele Zeit, sich ein letztes Mal in das Gedächtnis der Hansestadt zu brennen.
