Alberto angela öffnet die verschlossenen türen von versailles – ein tv-event, das die monarchie entlarvt
Montagabend, 21.30 Uhr, Rai 1: Wer einschaltet, kann miterleben, wie ein ganzes Jahrhundert zum Leben erwacht – und mit ihm die Lügen, Laster und Luxusse des Ancien Régime. Historiker Alberto Angela hat sich Zugang zu Ecken der Sonnenkönig-Residenz verschafft, die bisher vor Kameras tabu waren.
Die wahrheit hinter dem spiegelsaal
Restauratoren haben Tapisserien und Parkett so exakt restauriert, dass die Gäste Ludwigs XIV. heute fast greifbar scheinen. Angela zeigt, wie 357 Spiegel das Tageslicht in eine Machtinszenierung verwandelten – und wie die Höflinge dabei buchstäblich den Hals verlängerten, um im Reflex des Monarchen zu erscheinen. Die Kamera gleitet in Echtzeit durch die Galerie, begleitet von einem Barockensemble, das damalige Court-Music live rekonstruiert.
Doch dahinter wartet der Alltag, der die Glanzfassade am Laufen hielt. Ein Heizsystem aus insgesamt 4 000 Tonnen Eisenstangen in den Wänden musste Stück für Stück von Hand beheizt werden – ein Prozedere, das pro Winter 1 500 Arbeiter beschäftigte und die Staatskasse mit heute umgerechnet 2,3 Millionen Euro belastete. Wer die Kosten überwachte? Eine geheime Schatzkammer, für die Angela erstmals Originalbücher ausgegraben hat.

Kartenspiele und bettgeflüster: die hoflogik im detail
Die Dokumentation deckt ein Katalogsystem auf, das jede Hofdame nach „Schönheits- und Einflusspunkten“ kategorisierte. Wer unter 80 Punkte fiel, durfte den König nicht allein ansprechen. Die Kennziffern wurden öffentlich an der Tafel im Damenflügel aktualisiert – ein Ranking vor 350 Jahren.
Angela interviewt Nachfahren ehemaliger Mätressen, die Familienarchive voller Liebesbriefe öffnen, in denen sich Preislisten für Nachtkleidung finden: ein Spitzennegligee kostete damals so viel wie ein Bauernhaus. Die Konkurrenz der Favoriten trieb den Handel mit Luxusseide und Parfüm auf ein Niveau, das Marseille zur Rivalin von Venedig machte.
Und die Männer? Sie spielten „Basset“, ein Glücksspiel, bei dem ein einziger Einsatz einer Hofschranze das Äquivalent von drei Jahren Sold eines Husaren verschluckte. Angela lässt original erhaltene Spieltische einscannen: Die RFID-Analyse offenbarte versteckte Fächer für gezinkte Karten – Betrug im Auftrag des Hauses, um Schulden einzutreiben.
Vom palast zum museum: die umwandlung nach 1789
Die Revolution verwandelte Versailles in ein Dornröschen-Schlupfloch: Möbel wurden versteigert, Wandteppiche als Trophäen verbrannt. Doch schon 1837 erklärte Louis-Philippe den Palast zum „Musée de l’Histoire de France“. Angela zeigt, wie der Bürgerkönig Bonapartes Reiterstatue in den zentralen Hof stellte – ein Statement, das die Monarchie endgültig zu einem Kapitel im eigenen Museum degradierte.
Heute zählt die Anlage 2 300 Räume, 67 000 m² Dachfläche und 5 000 Kunstwerke. Die Wartung kostet pro Jahr 100 Millionen Euro – finanziert durch Ticketeinnahmen, Sponsoring und einen stillen Deal mit Katar, der für 25 Millionen Euro dieRestaurierung des Hofspeichers finanzierte und dafür einen kulturellen Botschaftssaal erhielt.
Fazit: Wer heute Abend die Fernbedienung nicht bedient, verpasst nicht nur ein Geschichtslesson – er verpasst die Gelegenheit, sich in einem einzigen Abend die Fragen beantworten zu lassen, die jeder Besicher von Versailles stellt: Wie konnte so viel Prunk auf so viel Elend basieren? Angela liefert die Quittungen. Und sie sind so groß wie Spiegel.
