Zenica wird zur falle: italien balanciert am abgrund
9.000 Fans, künstliches Grün, Minusgrade – und die Angst, das dritte WM-Finale in Folge zu versäumen. In Zenica beginnt für Italien heute Abend die Stunde der Wahrheit.
Die Azzurri landeten am Dienstag in Sarajevo, stiegen sofort in den Bus Richtung Mittelbosnien. Kein Training auf dem Platz, keine Akklimatisierung, nur Schnee gegen die Scheiben und das dumpfe Gefühl, in eine Falle zu fahren. Denn das Bilino Polje-Stadion ist seit Jahren ein Bunker: Bosnien verlor hier erst zwei von 21 Pflichtspielen, beide gegen die absolute Top-Elite. Für Edin Džeko, 38, ist es die letzte Chance, sich mit einem Tor in einem WM-Dress zu verabschieden – und genau diese Aura wollen die Bosnier nutzen.
Trainer Gennaro Gattuso schickte seine Spieler direkt ins Hotel, sperrte sie in die Videoanalyse. Die Lektion dauerte 42 Minuten, so lange wie die berüchtigte WM-Quali-Pleite gegen Nordmazedonien 2022. „Wir haben keine Sekunde Zeit für Selbstmitleid“, zitiert die Gazzetta dello Sport den Coach. Die Mannschaft soll in einem 4-2-3-1 starten, mit Chiesa und Zaniolo auf den Flügeln, um die kompakte Bosnier-Abwehr zu sprengen. Doch selbst die Italiener wissen: Ein Gegentor reicht, um die Rechnung zu komplizieren.
Repesca-fieber: lewandowski jagt schweden, türkei träumt
Während in Zenica die Sehnsucht nach einem Exorzismus wächst, kocht die Repesca in ganz Europa. In Solna erwartet Robert Lewandowski eine Schweden-Elf, die mit Forsberg und Kulusevski ausfällt – für Polen ein perfektes Szenario, nach 2022 endlich wieder eine WM zu erreichen. Gleichzeitig misst sich die junge Türkei um Arda Güler in Pristina gegen den Überraschungsaufsteher Kosovo. 24 Jahre nach dem letzten WM-Ticket wollen die Türken endlich wieder ins Turnier, und Güler, 19, ist längst mehr als ein Talent: Er ist der Symbolspieler einer Generation, die sich nicht mehr mit Halbfinalen zufriedengeben will.
Prag wird zum Schauplatz eines Duells ohne Netz: Tschechien gegen Dänemark. Die Dänen verpassten 2022 sensationell das Achtelfinale, die Hausherren haben seit fünf Spielen nicht verloren. Die Bilanz spricht für Kopenhagen, aber der Platz ist glatt vom Frost, und die Arena ist ausverkauft – ein Umfeld, das selbst große Namen erfrieren lässt.

Letzte tickets in guadalajara und monterrey
Der globale Blick richtet sich auf zwei weitere K.o.-Duelle. In Guadalajara trifft der DR Kongo auf Jamaika, in Monterrey fordert Irak Bolivien heraus. Für die Kongolesen ist es die erste WM-Quali überhaupt, die Jamaikaner waren 1998 zuletzt dabei. Bolivien wiederum spielt schon seit 1994 nicht mehr bei einer Endrunde, und Irak hofft auf den ersten Auftritt überhaupt. Die Gewinner nehmen Platz 47 und 48 im Turnier ein – und damit endet das wilde Auslosungskarussell, das seit 18 Monaten die Kontinente verbindet.
Die Uhr tickt. In 180 Minuten in Zenica kann sich eine Fußball-Nation neu erfinden – oder endgültig zerschlagen. Für Italien heißt es: Sieg oder Tod. Die Bosnier wissen das und werden das Spielfeld zur Hölle machen. Wenn der Schiri pfeift, zählt nur noch, wer die Kälte besser erträgt und wer die Nerven länger behält. Die WM beginnt nicht in Katar, sondern in dieser kalten Bosnien-Nacht.
