Dorothea wierer weg vom schuss: ihre neue mission nach 17 jahren kalte-welt-herrschaft
17 Winter lang dominierte Dorothea Wierer das Weltcup-Cirque. Jetzt ist der Rückzug perfekt – und keiner kennt ihre nächste Spur. Die 33-jährige Südtirolerin, dreimalige Weltmeisterin und zweimalige Gesamtweltcupsiegerin, steht vor dem größten Richtungswechsel ihrer Karriere. Kein Skating mehr um 5 Uhr morgens, kein Herzrasen im Schießstand, kein Staunen über eigene Zeiten.
Ihr letztes schussgeräusch hallt noch nach
In Antholz war es Mitte März, als sie die letzte Patrone ins Ziel brachte. Der Jubel klang wie ein Abschiedsgespräch mit dem ganzen Biathlon-Europa. Doch hinter dem Lächeln steckt ein Plan, den sie bislang nur in Flüstertönen ausplaudert: Moderation, Mode, Nachwuchs-Training. Dreikampf statt Drehkreuz.
Die ARD-Sportredaktion buhlte schon um sie. Ein Damenteam will sie als Stil-Beraterin. Und im 50 km entfernten Rasen-Antholz wartet ein Juniorinnen-Team, das ihre Technik-Tipps schon auf YouTube studiert hat. Wierer selbst schwieg bisher. Stattdessen postete sie ein Foto: verschneite Berge, kein Gewehr, nur ein Kaffeebecher mit dem Spruch „Slow mornings“.
Die Entscheidung ist längst nicht gefallen. Freundin und Ex-Trainerin Andreas Zingerle erzählt: „Sie will erst einmal raus aus der Pulskurve. Dafür braucht man keine Headline, sondern Luft.“ Trotzdem tickt die Uhr. Sponsoren wie Fischer und Leki verlangen ein Konzept für die Saison 2024/25, das über Pisten-Werbung hinausgeht. Werbung mit Story statt mit Sieg.

Ihr markenwert liegt bei 1,2 millionen euro pro jahr
Das ist die Zahl, die ihre Agentur Sports-Management Oberhof intern kalkuliert. Ohne Startschuss, aber mit Start-up-Charisma. Wierer könnte Italien übernehmen, das international als „Sanierungsfall Biathlon“ gilt. Seit der Mannschafts-Trennung von Lukas Hofer fehlt ein Aushängeschild. Die FIS will sie als Testimonial für die neue Mixed-Staffel-Regel. Streaming-Dienst Discovery+ bucht sie für ein Format über Frauen, die sich nach Spitzensport neu erfinden.
Doch es gibt einen Haken: Sie will nicht die nächste „Let's-Dance“-Kandidatin sein. Ihr Idol ist Magdalena Neuner – die schmiss nach ihrer Karriere das Mikrofon weg und baute stattdessen einen Bio-Hof. Wierer besitzt in St. Ulrich ein kleines Apartment mit Garten. Freunde wetten, dass sie dort bald einen Hochbeet-Podcast startet. Der Titel steht schon: „Vom Schießstand zum Kräuterstand“.
Der Countdown läuft still. Am 15. Mai eröffnet die IBUTEC-Sommerpremiere in Thüringen. Wierer wurde eingeladen, nicht als Athletin, sondern als Referentin über mentale Resilienz. Wenn sie dort auftritt, wird klar sein, ob sie der Welt noch eine Antwort schuldet – oder endlich nur noch sich selbst.
Die Königin verlässt den Schneepalast, doch das Zepter gibt sie nicht einfach ab. Sie wird es umbauen – vielleicht zu einem Campingstuhl, auf dem sie zusieht, wie ihre eigene Nachwuchs-Truppe irgendwann wieder Italien an die Weltspitze schießt.
