Yakin nach 3:4 gegen dfb: „wirtz war weltklasse, aber wir haben gelernt“

Murat Yakin stand mit verschränkten Armen im Mixed Zone-Kreis, das Gesrotz eine Mischung aus Stolz und Wehmut. Denn während die Schweiz im St.-Jakob-Park mit 3:4 gegen Deutschland unterlag, hatte der Nati-Coach bereits den Blick auf Katar gerichtet. „Das war kein Schönheitspreis, sondern ein Lehrgang gegen einen Gegner, der uns lehrte, wo die Latte für die WM liegt“, sagte er knapp.

Florian wirtz lässt die defensive alt aussehen

Yakin sprach das aus, was jeder Stadiongast dachte: Florian Wirtz war unbändig. Zwei Treffer, ein Laufduell gewonnen, das die Schweizer Kette dreimal umdrehte. „Das, was er heute gezeigt hat, war Weltklasse“, sagte Yakin und ließ dabei sogar die Stimme sinken, als würde er ein Geheimnis preisgeben. Der 19-Jährige habe die Lücken zwischen den Seitenlinien und der Innenverteidigung mit der Präzision eines Uhrmachers aufgerissen. „Wir haben ihn analysiert, aber analysiert und stoppen sind zwei Paar Stiefel.“

Doch der Coach nahm sich selbst auf die Schippe. „Wir haben vier Schüsse aufs Tor und drei Tore gemacht – das ist ultraeffizient, fast schon brutal. Aber wir haben auch vier Gegentore kassiert, das ist brutal ineffizient.“ Die Zahlen lügen nicht: xG 1,9 für die Schweiz, 3,4 für Deutschland. Das 2:2 kurz vor der Pause war ein Mikrokosmos des Abends: Schweiz mit dem 3:1 auf dem Fuß, stattdessen Konter, Ecke, 2:2. „Da haben wir den Knackpunkt verspielt, da schläft der Gegner nicht mehr, der wacht auf.“

Pressing als präsentation für katar

Pressing als präsentation für katar

Yakin betonte, dass der Test genau das brachte, was er suchte: ein Gegner, der das Dreiback-Pressing auf Höhe der Mittellinie spielt, statt wie EM-Quali-Gegner tief in der eigenen Hälfte zu warten. „Wir sind gut gepresst worden, was wir sonst von anderen Teams in der Quali nicht so gewohnt waren“, sagte er. Die Schweizer Aufbauzone wurde in Sekundenbruchteilen eingekreist, die Abstimmung zwischen Akanji und Frei wackelte. „Wir haben gesehen, dass wir in der Defensive noch ein bisschen mehr arbeiten müssen. Das ist keine Kritik, das ist ein Arbeitsauftrag.“

Dabei lobte er explizit Gregor Kobel, der bei zwei Gegentreffern mit den Fingerspitzen touchierte, aber auch die Körpersprache des Keepers: „Er redet laut, er lenkt, er gibt Orientierung. Genau so einen Typ brauchen wir, wenn in Katar die Tribüne brüllt.“

Die startelf nimmt konturen an

Die startelf nimmt konturen an

Yakin liebt klare Strukturen, hasst aber festgeschriebene Namen. Dennoch zeichnet sich ab: Embolo bleibt die Zielperson, Shaqiri der kreative Freiraum, Zakaria der Sechser, der vor der Abwehr klopft wie ein Türsteher. „Ich brauche Optionen und eine gefestigte Startaufstellung, die ich in Phasen des Spiels bereits gesehen habe“, sagte er. Gegen Deutschland sah er sie – zumindest für 35 Minuten. Danach drehte Hansi Flick an der Schaltzentrale, Yakin reagierte mit einem Doppelwechsel, brachte Rieder für zusätzliche Breite. Die Idee stimmte, die Umsetzung zitterte.

Die Niederlage schmerzt, aber sie schmerzt bewusst. „Wir haben nicht verloren, weil wir schlecht sind, sondern weil der Gegner besser war. Das ist ein Unterschied wie zwischen Trainingsschmerz und Verletzung“, sagte Yakin. Und er schob nach: „Wenn wir in Katar so effizient bleiben und nur halb so viele Gegentore kassieren, sind wir im Achtelfinale.“

Die Schweiz verlässt den Januar mit einer Niederlage, aber mit einer klaren Marschroute. Die Defensive bekommt Extra-Schichten auf dem Trainingsplatz in Marbella, die Offensive das Selbstvertrauen, drei Tore gegen den WM-Gastgeber zu erzielen. „Wir haben heute gesehen, dass wir mithalten können. Aber mithalten ist nicht das Ziel, gewinnen ist es. Und dafür müssen wir noch eine Schippe drauflegen“, schloss Yakin. Dann drehte er sich um und stapfte Richtung Kabine – nicht geduckt, sondern mit dem Blick eines Mannes, der weiß, dass die echte Prüfung erst in neun Monaten fällig wird.