Körperliche symptome: wenn der körper spricht

Jahrzehntelang wurde die psychische Gesundheit primär im Kopfraum verortet – Gedanken, Überzeugungen, innere Dialoge. Doch eine wachsende Zahl von Expertinnen lenkt den Blick auf eine zentrale Erkenntnis: Der Körper ist kein bloßer Begleiter, sondern ein integraler Bestandteil unserer Gefühlswelt, unserer Reaktionen und unseres Schutzesystems. Psychologin María Ros stellt in ihrem neuen Buch 'Dein Körper lügt nicht' (Erscheinungstermin: 14. amyo) eine tiefgreifende Perspektivenverschiebung vor.

Symptome als botschaften verstehen

Symptome als botschaften verstehen

Ros argumentiert, dass körperliche Symptome – von Angstzuständen über Muskelverspannungen bis hin zu Schwindel – keine Fehler sind, die es schnellstmöglich zu beseitigen gilt, sondern Signale eines Nervensystems, das versucht, sich an Erlebnisse anzupassen. Dieser Ansatz verlagert den Fokus von der Symptomkontrolle hin zur Symptomverständigung. In einem exklusiven Interview mit MARCA Bienestar erläutert Ros ihre Thesen.

Der Ausgangspunkt ihres Buches ist die Überzeugung, dass der Körper sich verteidigt, nicht versagt. Was war der Moment – klinisch oder persönlich –, der ihr diese Erkenntnis deutlich vor Augen führte? Nach jahrelanger Begleitung von Patientinnen mit Angststörungen, komplexen Traumata und körperlichen Symptomen ohne erkennbare Ursache, spürte Ros eine Diskrepanz zwischen den etablierten Modellen und der Realität. Die alleinige Betrachtung der Psyche erwies sich als unzureichend. Auch wenn die kognitive Arbeit an den Gedanken erfolgreich war, blieb die tieferliegende somatische Wurzel unberührt. Dies motivierte sie, sich intensiv mit dem Nervensystem, komplexen Traumata, körperorientierter Therapie und Physiologie auseinanderzusetzen. Sie erkannte, dass unser „Sein und Handeln“ von einem Nervensystem gesteuert wird, das Sicherheit sucht, Schmerz vermeidet und sich von Bedrohungen entfernt. Ein großer Teil unserer Identität ist geprägt von unseren Erfahrungen. Daher ist es entscheidend, den Körper aus dieser Perspektive zu betrachten und Symptome als Botschaften zu dechiffrieren – denn der Körper spricht nicht mit Worten, sondern mit Gefühlen.

Die Kultur der Symptom-Eliminierung steht auf dem Prüfstand. Wir leben in einer Gesellschaft, die darauf abzielt, Symptome so schnell wie möglich zu beseitigen. Ros plädiert für das Gegenteil: die Interpretation als Signale. Wie kann dieser Wandel gelingen, ohne zu überfordern? Die Information ist Macht. Das Verständnis, wie Lebenserfahrungen und unverarbeitete Ereignisse die Reaktionen unseres Nervensystems formen, hilft, die körperlichen Reaktionen besser zu verstehen. Die Kenntnis der eigenen physiologischen Reaktionen bei Trauer oder Angst, das Verständnis des Einflusses von Traumata auf den Körper – all dies ermöglicht den ersten Schritt. Nicht, weil Wissen heilt, sondern weil es Ruhe schenkt. Wenn man erkennt, dass Herzrasen ein Signal des Nervensystems und nicht ein Herzproblem ist, sinkt die Angst und man kann beginnen, der Botschaft zu lauschen.

Ros betont, dass im Körper gespeicherte Erfahrungen nicht immer bewusst erinnert werden können. Für diejenigen, die diese Perspektive neu kennenlernen, wo sollte man anfangen? In ihrem Buch beschreibt sie, wie Lebenserfahrungen in verschiedenen Gedächtnissystemen gespeichert werden. Diese Systeme drücken sich unterschiedlich aus. Zu Beginn des Lebens stehen die impliziten Gedächtnissysteme, in denen Informationen nicht als erzählte Erinnerungen, sondern als körperliche Empfindungen gespeichert werden. Der Körper erinnert sich daran, wie es sich in bestimmten Momenten angefühlt hat, und reagiert dementsprechend in ähnlichen Situationen. Die Selbstbeobachtung ermöglicht es, Muster zu erkennen, die bisher unbewusst waren. Das Wissen um diese Muster gibt uns die Kontrolle über unser Wohlbefinden. Wenn beispielsweise die Nacken- und Kiefermuskulatur sich bei bestimmten Personen verspannt, kann dies ein Hinweis auf Unsicherheit sein. Längerfristig kann dies zu Verspannungen, Verletzungen oder anderen ungewöhnlichen Empfindungen führen. Das Erkennen dieser Zusammenhänge ermöglicht es, das Zusammenleben mit solchen Personen zu überdenken oder die Verspannung bewusst abzubauen.

Die Hürde der Selbstreflexion. Ein häufiger Fehler bei der ersten Auseinandersetzung mit dem Körper ist die Forderung nach sofortigen Ergebnissen. Viele wollen ihre „beste Version“ erreichen oder von bestimmten Symptomen befreit werden. Doch der Körper braucht Zeit und Geduld. Es ist, als würde man versuchen, sich selbst zum Schweigen zu bringen. Stattdessen gilt es, den Körper neugierig, aufmerksam und mitfühlend zu betrachten und seine Sprache zu verstehen. Ein entspannender Abend mit sanften Dehnübungen, einer Massage oder einem warmen Bad mit rotem Licht kann Wunder wirken – ein Zeichen der Dankbarkeit für die Unterstützung des Körpers.

María Ros' eigener Weg, geprägt von Nacken-, Kopf- und Schwindelbeschwerden, führte sie zur körperorientierten Therapie und zum Verständnis des Körper-Geist-Zusammenhangs. Die Erkenntnis, dass Wissen und Selbstfürsorge zu einer spürbaren Verbesserung führen können, ist ein Hoffnungsschimmer für alle, die ihren Körper neu entdecken wollen. Der Körper lügt nicht – er sendet Signale, die es zu verstehen gilt.

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