Silber-traum wird zum boom: 40 mädchen melden sich nach wm-coup beim hc weiden an
Markus Gaugisch schlägt mit der Faust aufs Podium. 80 Tage nach dem Silber-Coup der deutschen Handball-Frauen warnt der Bundestrainer vor dem Strohfeuer. Seine Spielerin Viola Leuchter liefert bereits den Beweis: Der Frauenhandball springt über den Schatten der Vergessenheit – zumindest in Weiden.
Die nachhaltigkeit fragt sich: „kriegen wir das hin?“
„Wir hatten Erfolg, aber es ist ja oft so, dass Dinge nur ein Strohfeuer sind“, sagt Gaugisch beim DHB-Medientermin in Hamburg. Der Coach, sonst eher der leise Taktiker, schraubt seine Stimme eine Oktave höher. „Ich bin gespannt, ob wir das hinkriegen.“ Dahinter steckt die Angst, dass der Frauenhandball nach der Heim-WM wieder in der zweiten Liga der Aufmerksamkeit versinkt. „Sportarten waren schon öfter kurz in der Öffentlichkeit, dann wieder weg.“
Genau dort will er ansetzen – mit „Leistung und guter Arbeit“, wie er sagt. Aber auch mit einem Appell an Verband, Medien und Vereine. Der Frauensport brauche „einen positiven Stempel“. Mädchen bräuchten sichtbare Vorbilder. Sonst bleibt alles beim Alten.

40 Neuanmeldungen in drei monaten
Viola Leuchter, 23, Linkshänderin mit Torriecher, kommt nach dem Training ins Gespräch. Sie trägt noch die grün-schwarzen Farben des HC Weiden unter den Fingernägeln. „40 Mädchen haben sich neu angemeldet“, sagt sie. Die Zahl wirkt wie ein Gegenentwurf zur Warnung ihres Trainers. „Das ist am Ende genau das, wofür wir das Ganze machen.“
Die Rückraumspielerin lacht, aber es klingt nicht belustigt. Es klingt wie Erleichterung. In Supermärkten, an Tankstellen, in der Fußgängerzone – überall seien Menschen auf sie zugekommen. „Man hat gespürt: Die WM hat etwas verändert.“ Auch in ihrer Heimat. Besonders dort.

Der verein als schaltzentrale
Der HC Weiden ist kein Top-Club der Bundesliga, aber ein Pulverfass für Nachwuchsarbeit. Leuchter ist Ehrenmitglied, kommt regelmäßig zu Trainings, manchmal nur zum Zusehen. „Die Trainer schreiben mir, welche Übungen sie machen sollen“, sagt sie. „Ich schicke Videos zurück.“ So entsteht ein Kreislauf, der größer ist als jede Marketingkampagne.
Gaugisch nickt, als er das hört. „Das ist der Hebel“, sagt er. „Wenn wir es nicht schaffen, die Begeisterung in den Hallen zu verankern, haben wir verloren.“ Er spricht von einer „gemeinsamen Aufgabe“, aber meint: Wir haben keine Zeit mehr für Sonntagsreden.
Die nächste hürde heißt alltag
In 14 Tagen startet die Qualifikation für die EM 2028. Gaugisch hat schon die nächste Talentsichtung terminiert. Leuchter packt ihre Handtasche, fliegt zurück nach Weiden, wo 40 Mädchen auf sie warten. Die Silbermedaille liegt im Safe. Der Rückenwind bleibt nur, wenn sich die Zahlen nicht nur in Weiden wiederholen. Die Uhr tickt. Der Frauenhandball hat 80 Tage verschenkt – jetzt zählt jeder weitere.
