Silber-rausch war nur der anfang: gaugisch fordert dauerfeuer im frauenhandball

80 Tage nach dem WM-Silber in Deutschland steht der Frauen-Nationalteam vor der entscheidenden Frage: wird der Hype zum Dauerbrenner oder verglüht er wie so oft im deutschen Sport?

Viola Leuchter spürt die Wellen. Im heimischen HC Weiden meldeten sich 40 neue Mädchen zum Probetraining an – ein Schub, wie er selten ist. „Das ist genau das, wofür wir spielen“, sagt die Linkshände. Die 23-Jährige kriegt auf der Straße High-Fives, Autogrammwünsche, WhatsApp-Nachrichten von Vereinstrainern, die plötzlich Anfragen aus zweitklassigen Städten erhalten. Der Frauenhandball ist sichtbar geworden.

Gaugisch warnt vor dem strohfeuer

Markus Gaugisch sitzt in der Hamburger Sportschule, zieht die Kappe tiefer in den Nacken und redet Tacheles. „Wir haben Erfolg, aber es ist ja oft so, dass Dinge nur ein Strohfeuer sind“, sagt der Bundestrainer. Drei Mal hat er die Powerpoint-Präsentation „Nachhaltigkeit“ seit dem Finale gegen Frankreich erweitert. Dort stehen Zahlen, die weh tun: 2017 stiegen nach der Europameisterschaft der Männer 25.000 Kinder ins Handballtraining ein – ein Jahr später war die Hälfte wieder weg. Gaugisch will dieses Déjà-vu verhindern.

Die Lösung liegt für ihn nicht im Sieg gegen Schweden am Samstag, sondern in Strukturen, die übermorgen greifen. „Wir brauchen sichtbare Liga-Frauen, mehr TV-Zeit für die Bundesliga und Trainer, die Mädchen nicht mit zehn Jahren schon für zu langsam befunden“, sagt er. Der 54-Jährige hat intern ein Konzept mit dem Titel „Visibility“ aufgesetzt: 100 Schulen sollen bis 2027 Kooperationsverträge mit DHB-Stützpunkten erhalten, die Bundesligaclubs sollen mindestens ein Heimspiel pro Saison kostenlos für Mädchen-Teams öffnen. Kostpunkt: 2,4 Millionen Euro. Geld, das der Verband erst noch akquirieren muss.

Leuchter nickt, wenn sie das hört. Sie hat selbst mitbekommen, wie in Weiden der Verein einen Flyer druckte: „Komm wie Viola!“ Darauf war ihr Sprungwurf abgebildet, die Arme geformt zum Siegesgestus. „So was wirkt“, sagt sie. „Aber nur, wenn es Nachfolge bekommt.“

Der em-ticket-zwang droht schon im september

Parallel zur Nachhaltigkeitsdebatte lauert der nächste sportliche Druck. Im September beginnt die EM-Qualifikation, ein verspäteter Gruppensieg gegen die Türkei würde das Ticket fixieren. Gaugisch will den „Rückenwind mitnehmen“, wie er sagt, doch die Spielerinnen spüren: Die Toleranzphase ist vorbei. „Wir können nicht erst wieder anfangen zu kämpfen, wenn alle Kameras weg sind“, sagt Leuchter. Die Bundesliga läuft gerade, einige Nationalspielerinnen quälen sich durch engere Spielpläne, Verletzungsrisiken steigen. Die Balance zwischen Marketing-Termin und Regeneration ist seit dem WM-Februar ein Dauertakt.

Die Zahlen zeigen: Der Frauenanteil in deutschen Vereinen liegt laut einem DSB-Report bei 27 Prozent – Tendenz leicht steigend. Doch allein 1.400 Trainerstellen fehlen im Jugendbereich, viele Klubs berichten von abgesagten U-12-Mädchen-Teams, weil keine Übungsleiter da sind. Gaugisch kennt die Statistik. „Wir können nicht nur von Nachhaltigkeit reden, wenn der Bus schon wieder rollt“, sagt er und meint die Sponsoren, die nach dem Silber spontan anklopften, aber Verträge nur für ein Jahr anbieten.

Am Ende des Interviews steht eine kleine Anekdote. Gaugisch erzählt, wie er vor zwei Wochen in Hannover eine Grundschule besuchte. Eine Siebtklässlerin fragte ihn: „Herr Gaugisch, warum gibt es kein Handball-Strickmützen-Set wie beim Fußball?“ Er habe keine Antwort gehabt, nur ein Versprechen gemacht: „Bis Weihnachten liegt ein Prototyp in deiner Stufe.“ Ob es klappt, weiß er nicht. Aber er weiß: Wenn sie diese Mädcel jetzt enttäuschen, war Silber nur ein Feuer, das schneller erlischt als ein Zündholz im Dezemberwind.