Wicker sprintet 1,5 sekunden am podest vorbei – pelkums medaillenwunder bleibt hart

1,5 Sekunden. So viel fehlte Anja Wicker gestern im Langlauf-Sprint von ihrer dritten Medaille bei diesen Paralympics in Italien. Die 34-jährige Pelkumerin preschte über die 10 km, sah im Zielstrich die Uhr – und wusste: Bronze war drin, Silber sogar. Dann kamen die Konkurrenten. Vierte Platzierung. Saisonbestzeit, aber keine Krone.

Masters lässt konkurrenz alt aussehen

Oksana Masters schraubte sich mit Gold Nummer zwölf in die Geschichtsbücher. Die US-Amerikanerin dominierte wie ein Uhrwerk, während Wicker im Windschatten des Weltklasse-Trios Kim Yunji und Kendall Gretsch hinterherskurrte. „Ich habe alles rausgehauen, aber am letzten Anstieg fehlte die Antwort“, sagte Wicker nach dem Rennen. Ihre Stimme klang heiser vom Sauerstoffmangel – und vom Frust.

Die Querspielerin hatte sich auf diesen Tag eingeschossen: zwei Medaillen im Biathlon, jetzt die Krönung im Langlauf. Doch der Plan zerbarst zwischen Kilometer acht und neun, als ihre Doppelpoller-Technik plötzlich ausholte. 1,5 Sekunden klingen nach wenig. Auf 10 km sind es eine halbe Ewigkeit.

Eskau zeigt, dass erfahrung zählt

Eskau zeigt, dass erfahrung zählt

Während Wicker noch atmete, lief Andrea Eskau durchs Ziel. Platz zehn – keine Medaille, aber ein Statement. Die 54-Jährige bestreitet ihre neunten Spiele, quält sich seit 1992 durch Schnee und Eis. „Ich bin nicht hier, um zu dekorieren. Ich bin hier, um zu kämpfen“, sagte sie und lächelte trotz Erschöpfung. Ihre Zeit: 2:13 Minuten hinter Masters. Respekt statt Podest.

Für Pelkum bleibt die Bilanz trotzdem Gold wert: zwei Medaillen aus drei Rennen, ein Athlet, der an die Spitze stößt. Wicker wird in zwei Tagen im Biathlon-Mitteldistanz-Rennen noch einmal angreifen. Die 1,5 Sekunden von heute sind Programme für morgen.

Die deutsche Delegation reist mit zwölf Medaillen nach Hause – und mit der Gewissheit, dass Anja Wicker mittlerweile zu den Konstanten der deutschen Behindertensport-Geschichte gehört. Nicht schlecht für eine Frau, deren Wirbelsäule bei der Geburt den Dienst verweigerte.