Vetter wirft hin, packt neu an: friedberg will nicht mehr nur mitspielen

Er stand am Spielfeldrand, sah das 1:0 der eigenen Elf in der fünften Minute der Nachspielzeit und spürte sofort den Druck sinken. Maik Vetter, seit Sommer Trainer statt Spieler bei Türk Gücü Friedberg, hatte seinen ersten richtigen Befreiungsschlag gelandet – und weiß, dass es nur der Anfang ist.

„Das war kein normales halbjahr, das war ein schnellkurs mit herzklopfen“

Vetter spricht schnell, leise, fast wie jemand, der noch selbst auflaufen könnte. Nur das Knie erlaubt es nicht mehr. Der 34-Jährige hatte sich in der Vorbereitung 2025 verletzt, die Karriere beendet und prompt die Rolle übernommen, die ihn seit dem abrupten Abschied von Enis Dzihic freiwillig oder unfreiwillig erwartete. „Ich wollte nie Trainer werden, zumindest nicht so schnell“, sagt er und lacht kurz. „Aber wenn der Verein anklopft und du spürst, dass sie dich brauchen, sagst du nicht nein.“

Friedberg ist kein beliebiger Hessenligist. Die Pokal- und Relegations-Märchen der letzten Jahre haben die Erwartungshaltung nach oben geschraubt. Vetter kennt das. Er war Teil des Erfolgs, bevor er die Seite wechselte. „Die Jungs sind dieselben geblieben, mein Blickwinkel nicht mehr“, erklärt er. „Als Spieler war mir der Gegner egal, ich wollte nur Ball. Jetzt sitze ich vor dem Laptop, analysiere Laufwege von Gegentreffern und frage mich, warum wir in Minute 78 plötzlich offen stehen.“

Der sieg gegen hanau war mehr als drei punkte

Der sieg gegen hanau war mehr als drei punkte

Die Niederlagen gegen Gießen und Darmstadt hatten die Stimmung gedrückt. Gegen Hanauer SC musste etwas passieren. „Wir haben die erste Halbzeit dominiert, aber vorne nicht über den Berg gebracht. In der Kabine habe ich gesagt: Wenn wir hier nicht gewinnen, verlieren wir auch den Anschluss an das obere Drittel. Das wollte niemand.“ Der späte Treffer war kein Zufall. Türk Gücü hatte in den vergangenen sieben Heimspielen nur gewonnen – ein Serienwert, der Selbstvertrauen nährt. „Solche Laufzeiten erzeugen eine Aura. Die Gegner spüren das“, sagt Vetter.

Dabei half ihm auch der Blick auf den Gegner. Mit Enis Dzihic stand sein Vorgänger auf der Gegenseite. „Wir haben uns umarmt, kurz geredet, dann war Schicht im Schacht. Ich habe bei ihm abgekupfert, das ist kein Geheimnis. Zweimal Relegation, Pokalfinale – das reicht nicht, um einfach zu sagen: Ich mach mein eigenes Ding. Ich habe gefragt, wie er mit Druck umgegangen ist. Seine Antwort: ‚Gar nicht, einfach spielen lassen.‘ Das nehme ich mit.“

Pokal-aus als weckruf statt trauma

Pokal-aus als weckruf statt trauma

Das 3:4 gegen Regionalligist SG Barockstadt schmerzt noch. Türk Gücü führte zweimal, verpasste dann den Sprung in die Runde, in der Kickers Offenbach auf den Plan getreten wäre. „Kick duell, Flanke, Kopfball – das war unser Spiel“, erinnert sich Vetter. „Aber wenn du zwei Standards kassierst, bist du selbst schuld. Ich wollte Offenbach empfangen, meine alte Mannschaft schlagen, vielleicht sogar mal ins Stadion am Bieberer Berg zurückkehren. Jetzt gucken wir auf den Trainingsplatz, nicht auf das Los.“

Der Schmerz hat Methode. Vetter zeigt seinen Spielern Videos, in denen sie in Unterzahl laufen. „Wir wollen lernen, wie man Führungen ausbaut, statt sie zu verschenken. Dafür brauche ich keine großen Reden, nur klare Bilder.“

Spielerherz gegen trainerkopp – der balanceakt

Spielerherz gegen trainerkopp – der balanceakt

Die Umbauphase ist keine Metapher. Vetter musste sich selbst vom Team distanzieren. „Ich kenne die Jungs seit eineinhalb Jahren, wir haben gemeinsam gefeiert, mich hat der eine oder andere ‚Vetty‘ genannt. Das geht nicht mehr. Ich bin derjenige, der über Zustand und Einsatzzeit entscheidet. Das knirscht auf beiden Seiten.“ Die Lösung: Gespräche ohne Gemütlichkeit. „Ich sage: Du bist heute nicht drin, weil deine Werte schlecht sind. Keine Schuldzuweisung, nur Fakten. Die Jungs wissen, dass ich keine Freundschaftsspiele mache.“

Die Entscheidung, nicht mehr aufzulaufen, fiel ihm schwerer als gedacht. „Ich habe mit zwei Kreuzband-OPs gespielt, aber dieses Knie sagt: Stopp. Wenn du zwei Kinder und ein Unternehmen hast, ist das Risiko einfach zu groß. Ich bin selbstständig in der Immobilienbranche, das lässt sich nicht mit Monaten auf Krücken vereinbaren.“ Ein Satz, den er sich selbst zutraut: „Es gibt wichtigere Dinge als Fußball. Aber nur kurz. Dann will ich wieder gewinnen.“

Kein masterplan, sondern woche für woche

Langfristige Ziele? Fehlanzeige. Vetter hasst Schlagworte. „Wenn ich hier rausposaune: ‚Wir wollen oben mitspielen‘, schießt mir das auf die Füße. Die Liga ist so eng, dass du nach zwei Pleiten direkt wieder im Tabellenkeller stehst. Ich sage: Nächstes Spiel gewinnen, Dominanz steigern, Ballbesitzzeiten erhöhen. Alles andere ergibt sich.“

Taktisch will er flexibel bleiben. Türk Gücü schaltet zwischen Dreier- und Viererkette. „Wir können hinten rausspielen, wir können auch mal lang gehen. Wichtig ist, dass wir die Kontrolle übernehmen, statt nur zu reagieren.“ Dafür braucht er Leader. Noah Michel und Toni Reljic sind „fixe Punkte, keine Tauschwährung“. Neuzugang Erdinc Solak bringt „Überraschungsmomente, weil er dribbelt, als hätte er den Ball am Fuß vernäht“. Die Mischung will reifen, nicht laut diskutiert werden.

Offenbach bleibt ein stachel – und ein vorbild

Seinen alten Klub Kickers Offenbach verfolgt Vetter weiter. „Ich habe keine Zeit, um jedes Wochenende ins Stadion zu fahren, aber ich schaue die Videos, analysiere den Kader. Das Feeling am Bieberer Berg ist einzigartig, das vermisse ich.“ Er hofft, dass der OFC den Hessenpokal holt und in der Regionalliga bald Ruhe reinbringt. „Dort kenne ich noch viele Gesichter. Aber mein Weg führt gerade einmal 20 Kilometer weiter nach Friedberg. Und der ist steil genug.“

Die Tabelle zeigt Türk Gücü im oberen Mittelfeld, drei Punkte hinter dem Relegationsplatz, zwei über dem Strich der Abstiegszone. Für Vetter die beste Ausgangslage. „Wir sind hungrig, aber nicht verrückt. Wenn wir im Mai immer noch dran hängen, reden wir weiter. Bis dahin: Training, Video, Spiel – und wieder von vorn. Das ist mein Alltag, und der gefällt mir besser, als ich je gedacht hätte.“

Der 34-Jährige blickt auf ein halbes Jahr, das ihn vom Feld auf die Bank katapultierte. „Ich bin kein Zauberer, ich bin Abteilungsleiter mit Schiripfeife.“ Die Devise lautet: Weitermachen, bis die Knie der Gegner zittern – nicht die eigenen.