Rund mit 78 noch mal neu erfinden: heidelberger studie widerlegt das charakter-märchen
19 bis 78 Jahre – und sie alle legten ihre Persönlichkeit aufs Spiel. Das Ergebnis: Selbst Großeltern lassen sich noch extrovertierter und gelassener trainieren als Studenten. Die Forscher der Universität Heidelberg lüften damit eine weitverbreitete Mär.
165 Erwachsene stellten sich freiwillig dem Selbst-Experiment. Zweimal pro Woche trafen sie sich zu zweistündigen Gruppensitzungen, führten Tagebuch und übten mit einem „Co-Partner“ zu Hause. Stressmanagement in Woche eins bis vier, Grenzen setzen und soziale Kompetenz in Woche fünf bis acht. Die Zielgrößen: emotionale Stabilität und Extraversion – jene beiden Eigenschaften, die laut Umfragen am häufigsten auf der persönlichen Wunschliste stehen.
Die 60-jährigen zeigten die jungen wilden, wie disziplin geht
Die Wissenschaftler rechneten eigentlich mit einem Altersbremser. Lernprozesse verlangsamen sich bekanntlich, und Wer sich sechzig Jahre lang als „so’n Typ“ gefühlt hat, wehrt sich gegen Veränderung. Doch das Gegenteil passierte. Die über 60-Jährigen steigerten ihre emotionale Belastbarkeit genauso deutlich wie die 20-Jährigen – und behielten den Vorsprung ein Jahr später. Extraversion schwächte leicht ab, lag aber immer noch deutlich über dem Ausgangswert.
Der Schlüssel: Engagement statt Jugend. Die Älteren erledigten mehr Hausaufgaben, hörten öfter die Audios, ließen sich auf Feedback ein. „Die Motivation kompensierte biologische Nachteile“, resümiert das Team um Studienleiter Dr. Per Fischer. Die Jüngeren hingegen schwankten – Prüfungen, Job, Party. Konsequenz half mehr als Neuroplastizität.
Die Studie, in Communications Psychology veröffentlicht, misst Persönlichkeit nicht nur per Fragebogen, sondern auch mit einem impliziten Assoziationstest. So fangen sie Eigenschaften ab, die Probanden selbst nicht formulieren können. Fünf Messzeitpunkte sichern, dass keine Momentlaune die Kurve trübt.

Wer zahlt, der wächst – und das gilt fürs leben
Kein Zufallsmensch landete in der Stichprobe. Die Teilnehmer zahlten eine Teilnahmegebühr und mussten sich zwei Monate lang auf Reize einlassen, die ihnen unangenehm sind. Der Clou: Ohne Anlass bleibt alles beim Alten. Wer nie den Wohnort wechselt, keine neue Herausforderung annimmt, dem bleibt der Charakter auf Sparflamme. Die Heidelberg-Forscher liefern den Beweis, dass es an der Umwelt liegt – nicht an der DNA-Uhr.
Für den Freizeitsport heißt das: Wer mit 70 noch in eine Vereins-Mannschaft einsteigt, sich auf Trainingslager einlässt oder sich als Übungsleiter engagiert, kann sich selbst neu erfinden. Die Studie versieht das alte Sprichwort „Leopard und seine Flecken“ mit einem Verfallsdatum. Die Flecken bleiben nur, wenn man sie nie in die Sonne legt.
Die Botschaft ist hart und beruhigend zugleich: Alt ist kein Schicksal, sondern eine Wahl. Und die Trainingsgruppe wartet schon im Nachbarort.
