Van der poel schreibt in harelbeke wieder geschichte – und zeigt, warum ihn keiner mehr einholt
75 Kilometer vor dem Ziel war Florian Vermeersch noch mit einem Defekt am Straßenrand, 14 Kilometer später jagte Mathieu van der Poel allein über die flandrischen Kopfsteinpflaster-Monster. Die E3 Saxo Classic endete mit dem dritten Triumph des Niederländers – und einem Statement, das im Peloton längst nachhallt.
Der angriff kam auf dem paterberg
Der Paterberg, 20 Prozent steil, Kopfsteinpflaster glatt wie Eis. Dort, auf der berüchtigten Rampe, legte Van der Poel den Zünder für seine Solo-Nummer. Keine 200 Meter, aber genug, um den Rückstand von fast einer Minute zu vernichten und die Verfolger in Auflösung zu schicken. Tim van Dijke, sein einstiger Begleiter, war Sekunden später Geschichte. Die restliche Spitzengruppe – ein Haufen verzweifelter Sprinter und Ausreißer – wurde zur Zuschauermannschaft.
Hinter ihm tobte ein Kuddelmuddel: Vermeersch, Hagenes, Dewulf und Abrahamsen schlossen sich zur Verfolgerkompanie zusammen, doch ihre Koordination glich einem offenen Telefonbuch. Jeder schaute auf den anderen, niemand wollte die Nadelstiche riskieren. Die Führung von Van der Poel schrumpfte von 35 auf 12 Sekunden, doch die Rechnung war klar: Wer zuerst zögert, verliert.

Die flandrische seele der e3
Früher hieß das Rennen E3 Harelbeke, benannt nach einer Autobahn, die niemand mehr befährt. Die neue Sponsorenmarke ändert nichts an der DNA: 35 Hügel, 18 Kopfsteinpflasterpassagen, ein einziger Tag, an dem die Reifen quietschen und die Beine brennen. Die Strecke ist ein verstecktes Abbild des Ronde van Vlaanderen – nur härter, weil schneller. Wer hier gewinnt, darf sich sieben Tage vor dem großen Klassiker in Oudenaarde legitimer Hoffnungsträger nennen.
Van der Poel hat diese Hoffnung längst zur Gewohnheit gemacht. Mit drei Siegen in Serie zieht er mit Jan Raas und Fabian Cancellara gleich, zwei Ikonen, die wie er das Kopfsteinpflaster bedienen wie andere Asphalt. Die Statistik lügt nicht: Seit 2022 fuhr er in jedem Frühjahr mindestens ein Monument-Prestige-Rennen aufs Podest. Die Konkurrenz redet von „unlösbaren Aufgaben“, doch das klingt mittlerweile wie ein gebrochenes Mantra.

Was die uhr wirklich zeigt
Die letzten 14 Kilometer führen durch flache, windumtoste Polder. Ein Terrain, das Normalsterblichen Sauerstoff raubt, Van der Poel aber Luft macht. Er biss sich aufs Rad, schaute ein einziges Mal zurück – ein Blick, der mehr sagte als jede Funkmeldung. 250 Meter Vorsprung, dann 200, dann 150. Im Zielbogen war die Uhr sein einziger Gegner: 4:39:38 h, Schnitt 43,2 km/h. Die Verfolger kamen zehn Sekunden später an, mit offenen Mündern und leeren Beinen.
Die Saison ist noch jung, aber die Botschaft ist eindeutig: Wer in Flandern siegen will, muss Van der Poel schlagen. Und das gelingt momentan niemandem. Die nächste Chance bietet sich in sieben Tagen. Dann steht die echte Ronde an. Die Fans werden wieder pilgern, die Flamenca erwartet sie – und Van der Poel wartet bereits an der Startlinie.
