Undav gegen woltemade: nagelsmanns sturm-sudoku vor der wm
Deniz Undav lachte, aber es war ein Lachen mit Kante. „Jetzt Kapitän werden, oder?“, schob er hinterher, nachdem er mit zwei Toren und einer Vorlage den VfB zum 5:2 gegen Augsburg geschossen hatte. Die Botschaft war klar: Ich bin zurück, und ich will spielen. 16 Bundesliga-Tore, 21 Pflichtspiel-Treffer – Zahlen, die selbst Julian Nagelsmann nicht ignorieren kann. Doch genau da liegt der Haken. Denn während Undav in Stuttgart wieder zur Bestform auflief, saß Nick Woltemade in Newcastle auf der Bank – und trotzdem hat der Bundestrainer ihn zuletzt nie aus der Startelf gelassen.
Ein systemstürmer ohne tor, ein torjäger ohne system
Woltemade traf in seinen letzten drei Länderspielen fünfmal. Kein deutscher Feldspieler hat in diesem Zeitraum mehr Treffer erzielt. Trotzdem steht er bei den Magpies seit Wochen ohne Tor da. Die Logik des Nagelsmann-Plans: Woltemade ist nicht der, der trifft, sondern der, der öffnet. Er blockt den ersten Gegenspieler, legt ab für Wirtz, zieht Gnabry in Position, schirmt den Ball, bis der Raum da ist. Undav dagegen lebt von Präsenz im Strafraum, von Bewegung zwischen den Linien, vom Abschluss aus jedem Winkel. Er ist kein Target Man, aber er ist auch kein Systemlöser – er ist ein Effizienzprodukt.
Die Frage, die Nagelsmann seit Tagen umtreibt: Passt Effizienz ins System, oder muss das System sich ändern? Die Antwort wird bereits am Samstag im Test gegen die Schweiz sichtbar. Undav wird starten, bestätigte der Bundestrainer in der Pressekonferenz. Woltemade ebenfalls. Nur einer von beiden kann auf der Neun stehen. Der andere muss sich verbiegen oder auf der Bank landen.

Havertz, der dritte mann, und die lücke in der luft
Dazwischen lauert Kai Havertz, genesen, trainiert, hungrig. Auch er kann die Neun spielen, auch er kann hängend wirken. Die Flexibilität ist Nagelmanns Trumpf, aber auch seine Falle. Denn wenn alle drei flexibel sind, wird keiner zum Fixpunkt. Und genau dort klafft noch die größte Lücke: Kopfbälle, zweite Bälle, Anschlagpunkte. „Wir werden einen Stürmer dabeihaben, der in der Luft ein bisschen was regeln kann“, hatte Nagelsmann noch Anfang März gesag. Füllkrug ist außer Form, Kleindienst fällt aus. Wer also löst die Flanke von Raum?
Die Antwort könnte ein Wechselspiel werden. Undav und Woltemade kennen sich aus Stuttgart, kennen sich aus Zeiten, in denen beide gleichzeitig auf dem Platz standen. Nagelsmann ließ sie bereits im Training im Doppelsturm laufen. Die Variante: Woltemade als festverwurzelte Neun, Undav als frei rotierende Zehn – mit Lizenzen zum Tor. Gegen Ghana wird er es testen. Gegen die Schweiz zuerst. Und wenn es funktioniert, könnte genau dieses Duo die WM-Formation sein, die niemand auf dem Zettel hatte.

Die entscheidung fällt in drei tagen – oder nie
Nagelsmann hat bis zur letzten Trainingswoche vor der WM Zeit. Dann muss er sich festlegen. 23 Mann, zwölf Offensivkräfte, nur eine Neun. Die Zahlen sprechen für Undav, das System für Woltemade. Der Bundestrainer muss sich fragen: Will ich ein Turnier gewinnen, das aus Kontern und Standards lebt – oder eines, das aus Ideen und Kombinationen besteht? Die Antwort liegt nicht in der Tabelle, sondern in 90 Minuten gegen Ghana. Wer trifft, wer öffnet, wer blockt – und wer bleibt schließlich stehen, wenn der Ball in der Luft kommt.
Am Ende zählt nur ein Kriterium: Torgefahr, die ins System passt. Undav hat sie, Woltemade auch – nur auf unterschiedliche Weise. Nagelsmann wird nicht alle drei mitnehmen können. Aber er wird auch keine Entscheidung treffen, bevor er sie auf dem Platz gesehen hat. Die WM ist noch drei Monate entfernt. Der Kampf um den Platz in der deutschen Sturmmitte beginnt jetzt. Und er endet erst, wenn der Ball am 13. Juni in New York rollt. Bis dahin hat Deniz Undav noch ein paar Tore Zeit – und Nick Woltemade noch ein paar Systempunkte. Wer mehr sammelt, fährt nach Amerika. Der andere schaut vielleicht von zu Hause. Oder eben doch von der Bank. Die Lösung steht offen. Und sie steht in Toren.
