Undav knallt 16 tore, woltemade bleibt – nagelsmann muss sich entscheiden

Deniz Undav lacht, trägt die Kapitänsbinde als Scherz in der Hand und hat 16 Bundesliga-Tore auf dem Konto. Nick Woltemade schweigt, traf fünfmal in den letzten drei Länderspielen und ist trotz Torflaute in Newcastle gesetzt. Vor den Testspielen gegen die Schweiz und Ghana steht Julian Nagelsmann vor einem Luxusproblem, das ihn bis zur WM jede Woche beschäftigen wird.

Die zahlen lügen nicht – aber sie lügen auch nicht komplett

Stuttgart feiert seinen Goalgetter, der mit zwei Toren und einer Vorlage gegen Augsburg wieder einmal alles richtigmachte. 21 Treffes in 36 Pflichtspielen, dazu eine Quote von 0,73 Toren pro 90 Minuten – das ist Spitzenwert in Europa. Doch im DFB-Trikot war Undav zuletzt im Juni 2025 auf dem Rasen, und selbst da lief er als hängende Spitze, nicht als Target-Stürmer. Seine beste Rolle? Die des flexiblen Zehners, der zwischen die Linien rutschen und abschließen kann.

Woltemade dagegen ist Nagelsmanns Projekt. 1,93 Meter groß, aber mit First-Touch wie ein Mittelfeldspieler. Er eröffnet Räume für Wirtz und Gnabry, presst in den ersten drei Sekunden nach Ballverlust wie ein Rasierer und schirmt ab, was das Zeug hält. Dass er für Newcastle nur zehn Saisontore erzielt hat, interessiert den Bundestrainer wenig. „Er macht die Dinge, die man in der Statistik nicht findet“, sagte Nagelsmann nach dem 3:0 in Wien, als Woltemade dreimal den Ball ablegte, der zum Tor führte.

Nagelsmanns taktisches puzzle: zwei spitzen oder doch nur einer?

Nagelsmanns taktisches puzzle: zwei spitzen oder doch nur einer?

Die Idee eines Doppelspitzensystems mit Undav und Woltemade ist nicht neu. Beim VfB liefen sie 2024/25 nebeneinander, Undav als freier Mann, Woltemade als feste Achse. Resultat: 54 Tore bis Februar. Doch die Nationalmannschaft ist kein Verein, und der Platz zwischen den Linien ist enger. Kai Havertz kehrt nach seiner Schulter-OP zurück, Jamal Musiala beansprucht die Halbräume, Wirtz will in der Zehnerposition Führungsspieler sein. Wer rückt raum? Wer geht in die Tiefe?

Die Antwort könnte ein rotierendes System sein: Woltemade beginnt als Anspielstation, Undav übernimmt in der zweiten Halbzeit, wenn die Abwehr müde ist und die Räume größer werden. Oder umgekehrt: Undav startet, um früh zu treffen, Woltemade kommt, um das Ergebnis zu verwalten. Nagelsmann testete beide Szenarien bereits im Trainingslager in Herzogenaurach – mit wechselhaftem Ergebnis. Gegen die Schweiz will er „eine klare Rollenverteilung“, gegen Ghana „eine offene Anfangself“, sagte er am Montag.

Die versteckte macht der kapitänsstimmen

Die versteckte macht der kapitänsstimmen

Thomas Helmer spricht es aus, was viele Betreuer denken: „Für ganz vorne fehlt eigentlich einer.“ Füllkrug spielt in West Ham nur Europa League, Kleindienst fällt bis Mai aus. Die Lösung könnte ein internes Votum sein. Joshua Kimmich und Antonio Rüdiger haben laut Insidern Undav ins Spielerkabinett empfohlen, weil seine Torgefahr „die Gruppendynamitik anhebt“. Ilkay Gündogan dagegen setzt sich für Woltemade ein, weil dessen Laufarbeit „die Mitte offenhält und uns defensiv stabiler macht“. Die Entscheidung wird am Ende nicht nur sportlich, sondern auch politisch fallen.

Undav selbst nimmt’s mit Humor: „Ich kann auf der Zehn spielen, ich kann vorne spielen, ich kann im Tor stehen, wenn Manu mal raus muss.“ Dahinter steckt ein Mann, der weiß, dass seine Karriere nie linear war. Vom fünften Mann bei Bremen zum Shootingstar in Stuttgart – und jetzt zum möglichen WM-Held. Woltemade dagegen betont: „Ich bin kein Ersatzmann, ich bin Teil des Plans.“ Beide haben recht. Nur einer kann zunächst in der Startelf stehen.

Die wm ist in 97 tagen – wer liefert den stein ins schachbrett?

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Nagelsmann wird gegen die Schweiz wohl Woltemade beginnen lassen, um Systemsicherheit zu signalisieren. Sollte Undav in den letzten beiden Bundesliga-Spielen erneut treffen, droht ein Umdenken. Die Wahrscheinlichkeit: 63 Prozent, dass beide im Kader bleiben, 37 Prozent, dass einer nach Hause fährt, hat die DFB-Analyseabteilung errechnet. Die WM in den USA wird keine Torhymne für Einzelgänger, sondern ein Turnier der flexiblen Systeme. Wer sich anpasst, gewinnt. Wer trifft, bleibt. Wer beides kann, wird Weltmeister.

Am Ende zählt nicht, wer in der Pressekonferenz neben Nagelsmann sitzt, sondern wer am 15. Juni im Eröffnungsspiel in Dallas das Netz zappelt lässt. Die Tore entscheiden. Und die liegen momentan klar auf Undavs Seite. Ob das reicht, wird sich in den nächsten 14 Tagen zeigen. Ein Sturmduell ohne Feindbild, aber mit offenem Ende – und das ist genau das, was diese deutsche Mannschaft braucht, um endlich wieder eine Geschichte zu schreiben, die nicht von Vorrundenaus und Tränen handelt.