Undav entfacht wm-feuer – dfb-team tanzt auf messers schneide

Regen peitscht ins Neckarstadion, 52.723 Kehlen kreischen, und dann passiert genau das, was Julian Nagelsmann in 76 Tagen in Winston-Salem braucht: ein Joker schlägt zurück. Deniz Undav, Stuttgarter Liebling, jagt den Ball in die Maschen, Deutschland ringt Ghana nieder, doch die Freude bleibt halbgar. Die Elf setzt sich 2:1 durch, aber zwischen Licht und Schatten liegt nur ein Hauch von Stabilität.

Die erste hälfte: dauerdruck und ein video-geist

Die Anfangsphase liest sich wie Nagelsmanns Traum: Kimmich rückt ins Zentrum, Brown feiert ein Debüt mit offensiver Libero-Rolle, Wirtz und Havertz kombinieren, als hätten sie ein privates Codewort. Ghana wirkt wie ein Testpuppen-Team, das vergessen hat, dass der Ball auch laufen kann. Nick Woltemade schiebt freistehend knapp daneben (4.), Jonas Adjetey foult Havertz als letzter Mann – Gelb statt Rot (5.). Der Freistoß donnert an den Pfosten (6.), und Stuttgart ahnt: Das wird ein Abend der kleinen Margen.

Der Schiedsrichter schaut 2024 rückwärts, erinnert sich an Cucurellas Handspiel, das er nicht ahndete, und korrigiert sich diesmal per Video: Hand von Adjetey, Elfmeter. Kai Havertz verwandelt eiskalt – 632 Tage später doch noch Revue. Pausenpfiff, 1:0, aber schon jetzt riecht der Regen nach unausgegorener Heiterkeit.

Zweite hälfte: lattenklinge und blackout

Zweite hälfte: lattenklinge und blackout

Nagelsmann dreht an der Wechselmaschine, bringt Undav, Karl, Rüdiger. Wieder fliegt Deutschland aus der Kabine, Woltemade köpft an die Latte (53.). Dann setzt die Unordnung ein. Vagnoman und Raum wirken im Rückwärtsgang wie zwei Radfahrer, die plötzlich feststellen, dass die Bremsen fehlen. Abdul Fatawu Issahaku schiebt zum 1:1 ein (70.), und das Stadion verstummt, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Die deutsche Defensive, erst sattelfest, zeigt Löcher wie ein alles Fischerhemd. Ghana, drei Tage zuvor 1:5 gegen Österreich, wächst über sich hinaus. Doch die Antwort trägt Trikotnummer 11. Sané flankt, Undav nickt, 88. Minute – Ausbruch der Erleichterung. 2:1, aber die Zahlen lügen nicht: vier Gegentore in zwei Spielen, sieben Siege trotz Wackelkurs.

Die bilanz: ein sieg, der nach arbeit riecht

Die bilanz: ein sieg, der nach arbeit riecht

76 Tage bis zum Auftakt gegen Curaçao, 43 Tage bis Nagelsmann seine 23 Namen nennt. Gegen Finnland folgt ein Abschiedsspiel, dann USA in Chicago, danach Quartier in Winston-Salem. Die Gruppe mit Elfenbeinküste und Ecuador wirft keine Schatten mehr – sie wirft Fragen. Wer sichert die Rückwärtsbewegung? Wer schlägt die Lücken zu, die Ghana nur aus Mangel an Präzision nicht größer riss?

„Generell ist ein Zu-Null schön und gut“, hatte Nagelsmann gesagt, „am Ende erwarte ich, dass wir gewinnen.“ Gewonnen – ja. Überzeugt – halb. Die WM-Feuer brennt, aber das Holz ist noch feucht. Undav rettete den Abend, nicht die Gewissheit.