Zwei gold, rang zehn – deutschlands paralympics-sommerloch kommt im winter

Anna-Lena Forster zückte die Rettungsleine, doch sie rettet nur sich selbst. Zwei Gold, ein Silber – mehr Gold gab’s für Deutschland in Cortina d’Ampezzo nicht. Die 30-Jährige ist die komplette deutsche Siegeshoffnung, und das ist das Problem.

Die bilanz, die niemand laut ausspricht

Rang zehn im Klassik-Medaillenspiegel – so schwach startete der Deutsche Behindertensportverband (DBS) zuletzt 1976. Die PR-Abteilung zählt lieber Gesamtmedaillen: 17 Stück, Platz vier. Das klingt besser, ist aber Schönfärberei. Denn hinter China, USA und der vom Krieg gebeutelten Ukraine zu landen, ist keine Leistung, es ist ein Alarmsignal.

Chef de Mission Marc Möllmann redet das „Zielkorridor“ schön. Er nennt Professionalisierung, Leistungsdichte, vierte Plätze. Das klingt nach Bundestagssprache und verdeckt: Die Konkurrenz ist längst überholt. Norwegen fegt mit 11 Goldmedaillen durch die Läufe, die Ukraine stellt trotz Invasion neue Stars, und selbst das kleine Schweiz lässt Deutschland alt aussehen.

Die abgänge, die kommen werden

Die abgänge, die kommen werden

2030 in den französischen Alpen wird das Team fast komplett neu gebaut. Andrea Rothfuss, 36, beendet ihre Paralympics-Karriere. Andrea Eskau, 54, Neunmal-Teilnehmerin, schließt sich an. Forster schwankt. Die Hoffnung trägt Namen wie Leonie Walter, Linn Kazamaier, Maya Fügenschuh – 17, 19, 22 Jahre jung. Sie liefern Top-Ten-Plätze, noch keine Podestkandidaturen.

DBS-Sportdirektor Möllmann fordert „Aufwuchs“ bei Trainern, Lehrgängen, Technik. Gemeint ist: mehr Geld. Der Bund fördert gut, aber der Abstand zu olympischen Standards wächst. Während die Konkurrenz Carbon-Ski, Datenlabore und Vollzeittrainer bezahlt, hängt Deutschland an Forsters Schultern.

Der politische schatten, der über cortina fiel

Der politische schatten, der über cortina fiel

Abseits der Pisten boykottierte die Ukraine Eröffnung und Schlussfeier, weil Russland als „Staatsmörder“ mit Fahne und Hymne dabei war. Litauen und Estland schlossen sich an. Das deutsche Kontingent lief ein, angeführt von Rothfuss und Snowboarder Christian Schmiedt. Eine Geste der Normalität – oder des Verharren?

Die Spiele enden mit Musik, Feuerwerk und der Gewissheit: Der Abwärtstrend ist kein temporäres Tief. Er ist strukturell. Wer 2030 wieder oben mitfahren will, muss heute umbauen – nicht nur das Material, sondern die komplette Infrastruktur. Sonst bleibt Deutschland die Nation der guten Vierten – und der verpassten Chancen.