Wirtz zaubert das dfb-team zurück: 4:3 gegen die schweiz nach 18 jahren
Florian Wirtz schlug die Schweizer dreimal, bevor sie wussten, dass sie gelaufen sind. Der 22-Jährige erzielte zwei Traumtore und bereitete zwei weitere vor – das 4:3 war Deutschlands erster Sieg gegen die Eidgenossen seit 18 Jahren.
Nagelsmanns kuscheleinheit auf dem rasen
Julian Nagelsmann umarmte seinen Matchwinner lange, als wollte er ihn in die Tasche stecken. Die Kollegen standen Schlange, um Wirtz zu gratulieren. Dabei hatte der Liverpool-Profi selbst gerade erst kapiert, was er angerichtet hatte. „Wahrscheinlich mein bestes Länderspiel“, sagte er später mit dem Blick eines Mannes, der selbst sich nicht ganz glaubt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: zwei Tore, zwei Assists, sieben Ballgewinne, 94 % Passquote. Doch hinter den schillernden Statistiken lauerte ein Problem, das Nagelsmann die nächsten Tage beschäftigen wird. Drei Gegentore aus drei Standards, alle vermeidbar, wie Wirtz selbst zugab. „Weil wir eine sehr gute Mannschaft und auch eine sehr gute Verteidigung haben“, rechtfertigte er die Wackler. Die Aussage klang wie ein Versprechen an sich selbst.

Die defensive achillesferse bleibt offen
Deutschland führte 2:0, 3:1 und 4:2 – und kassierte trotzdem den Anschlusstreffer in der 89. Minute. Die Schweizer trafen per Ecke, per Freistoß, per zweitem Freistoß. Ein Muster, kein Zufall. Die letzten fünf Länderspiele brachten acht Gegentore, sechs davon nach ruhenden Bällen. Wirtz versuchte, die Sorgen kleinzureden: „Wenn wir immer ein Tor mehr schießen als der Gegner, ist es in Ordnung.“ Klingt nach Attacke als beste Verteidigung. Funktioniert gegen die Schweiz, wird gegen Frankreich oder Spanien eine Glückssträhne voraussetzen.
Der 22-Jährige selbst spielte, als habe er die Nachricht von der Verletzung seines Liverpool-Teamkollegen Diogo Jota noch nicht gelesen. Ein Haken innen, ein Schlenzer außen, ein Lupfer über Yann Sommer. Die Tore hatten einen gemeinsamen Nenner: Sie sahen aus, als hätte Wirtz sie vorher in Gedanken schon 100-mal trainiert. Dabei war er 114 Tage nicht für die Nationalelf aufgelaufen. Die Pause merkte man ihm an – positiv.

Die wm-form kommt früh
Nagelsmann hatte betont, er wolle „Einzelspieler in Topform“ mitbringen nach Katar. Wirtz liefert sie im Oktober. Die Frage ist nur, ob die Defensive bis November mitkommt. Ein Blick auf die Kalender: Noch 33 Tage bis der erste WM-Gegner feststeht. Die Zeit arbeitet gegen den Bundestrainer, nicht für ihn. Wirtz’ Fazit klang deshalb wie eine Kampfansage vor allem an die eigene Hintermannschaft: „Man merkt, dass wir eine Zeit nicht miteinander gespielt haben. Daran müssen wir arbeiten.“ Arbeit genug. Aber wenigstens jubelt Deutschland wieder.
