Wicker verpasst bronze um einen herzschlag – masters krönt sich zur königin von tesero
Anja Wicker schrie, sprintete, kämpfte – und blieb doch leer aus. 1,5 Sekunden. Nicht mehr. Genau diese winzige Lücke trennte die Stuttgarterin am Ende der 10 km im Sit-Ski von ihrer ersten Langlauf-Medaille bei den Paralympics 2026. Die Bronzefeier verwandelte sich in einen Schluck aus Eisen und Adrenalin.
Masters läuft die konkurrenz in grund und boden
Während Wicker sich in der Zielkurve noch einmal aufbiss, feierte Oksana Masters bereits ihren dritten Gold-Triumph in Tesero. Die US-Amerikanerin startete als Letzte der 19 Athletinnen, jagte mit 23:55,0 Minuten durch die Loipen von Lavarone und ließ die restliche Weltcup-Elite alt aussehen. Hinter ihr musste sich Silber-Gewinnerin Yunji Kim mit 16,4 Sekunden Rückstand begnügen – eine halbe Ewigkeit im Paralympic-Ski.
Deutschland blickte hingegen auf eine traurige Premiere: Zum ersten Mal seit 2010 bleibt eine deutsche Frau über die Langlauf-Distanz ohne Podest. Andrea Eskau, neunmal bei Paralympics am Start, landete auf Rang zehn – mehr als drei Minuten hinter Masters. Ihre 15. Medaille rückt damit in weite Ferne.

Menje schaut von der seitenlinie – und plant den staffel-coup
Wer hätte für Deutschland einspringen können? Merle Menje. Die 21-jährige Sprint-Hoffnung verzichtete jedoch auf den Einzelstart – zu groß die Sorge, nach Tokio und Paris nun auch in Tesero zu früh zu brennen. Stattdessen schielt sie auf Samstag, wenn die Staffel ansteht. Dort will sie mit Wicker und Eskau den ersten deutschen Team-Sieg seit 2018 einfahren. „Ich spüre die Energie, aber ich brauche die richtige Lücke“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.
Die Taktik könnte aufgehen. Denn Wicker ist nach ihrem Biathlon-Doppel (Silber und Bronze) heiß gelaufen – körperlich wie mental. „Ich habe alles rausgehauen, aber die Beine haben in der letzten Steigung nicht mehr mitgemacht“, gestand sie im Ziel. Die Enttäuschung saß tief, doch der Blick richtet sich bereits auf die Staffel. Dort will sie Revanche nehen – und endlich Gold.

Die zahlen, die den sport erklären
Para-Langlauf ist kein gemütliches Schippen. Die Sit-Ski-Klasse fordert Oberkörper-Explosivkraft, die Arme müssen bei jedem Stoß 60 Prozent des Körpergewichts stemmen – bei minus neun Grad und 1.650 Höhenmetern. Die Pulswerte der Athletinnen knacken dabei locker die 180er-Marke. Kleine Rechenleistung: Wer 1,5 Sekunden über 10 km verliert, liegt pro Kilometer 0,15 Sekunden zurück – ein Tippfehler in der Spur, ein Happs zu wenig Wachs, ein Windstoß. Genau das passierte Wicker.
Für Marc Windgassen, Kommentator im ZDF-Livestream, war der Zweikampf um Bronze „ein Krimi mit offenem Ende“. Er sprach von „Herzblut statt Hightech“, weil die deutsche Equipe auf moderne Ski verzichtet hatte – ein bewusstes Risiko, das sich nicht auszahlte.

Was heute noch ansteht
Am Nachmittag geht es weiter mit den 20 km Skating der Männer. Dort will Pierre Senska den deutschen Sieg einfahren – und vielleicht sogar die Medaillen-Rechnung der Frauen ausgleichen. Ab 14.15 Uhr rollt die Loipe wieder, ab 14.20 Uhr flattern die Fahnen. Bis dahin bleibt eine Erkenntnis: In Tesero zählt nicht der Name, sondern die Sekunde. Und manchmal sind es eben 1,5 Sekunden, die zwischen Ruhm und Leere liegen.
