Vom holzfäller zum europa-league-star: nemanja matić packt aus

75 Euro Monatslohn, dritte serbische Liga, keine Perspektive. Heute spielt er mit 37 Jahren noch Champions-League-Niveau und erklärt, warum ihn in Rom keiner wollte – und wie er Mourinho, United und die ganze italische Stagnation sieht.

Wie ein wolf durch die zentrale

„Pogba, Lingard, Rashford – die nannten mich Lupo, weil ich auch beim Skatspiel den kürzesten Weg zum Tor fand.“ Nemanja Matić lacht, doch hinter dem Spitznamen steckt ein Survival-Trip. 2006 spielte er in der serbischen Drittklassigkeit für eine Handvoll Dinar, schnitt nebenbei mit dem Vater Holz im Wald von Vrelo. „Ich war kurz davor, den Traum zu begraben. Roter Stern Belgrad? Fehlanzeige. Mein Bruder und ich trainierten auf vereisten Nebenplätzen, weil niemand uns ernst nahm.“

Der Befreiungsschlag kam aus der Slowakei. FK Košice, damals Erstligist, suchte einen defensiven Allrounder. Coach Ján Kozák nahm den hageren Jungen mit der seltsamen Lauftechnik mit – und landete einen Jackpot. Pokalsieg 2009, Europa-League-Auftritt gegen Roma (3:3, Rückspiel 1:7), Debüt von Bruder Uroš. Matić: „Plötzlich stand ich mit 75 Euro Erfahrung im Stadio Olimpico. Die Roma-Fans pfiffen, ich hatte Gänsehaut. Das war der Moment, wo ich wusste: Ich schaffe es bis ganz nach oben.“

Jorge jesus und die versetzung ans weltniveau

Jorge jesus und die versetzung ans weltniveau

Benfica-Lissabon, 2011. Jorge Jesus bestellt den Techniker ins Büro, Dolmetscher dabei. „Von 8 oder 10 brauchst du nicht träumen, du bist nicht gut genug. Als Sechser aber kannst du Weltklasse werden.“ Matić schluckte, wechselte die Position – und wurde zwei Jahre später zum besten defensiven Mittelfeld Europas gekürt. „Jesus hatte recht. Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um fünf nach vorne zu springen.“

Die Ruhe unter Druck? Keine Gabe, sonst wäre er nie Holzfäller gewesen. „Ich habe Tausende Bälle im Training unter Piraten-Pressing geübt. Zweimal pro Woche ließen wir Mannequins um uns herum aufstellen, keine Passtunnel breiter als 40 Zentimeter. Wer den Ball verlor, sprintete 200 Meter. So entsteht scheinbare Gelassenheit.“

Roma, mourinho und der geklaute pokal

Roma, mourinho und der geklaute pokal

Fünf Jahre Manchester United, dann die Rückkehr in die Serie A. Matić liebt die Giallorossi, hasst aber die interne Trägheit. „Das Stadion ist immer voll, die Fans singen 90 Minuten. Aber die Geschäftsführung dachte in Ein-Jahres-Verträgen, ich sollte um jeden Cent betteln. Ich war 33, kein Kind mehr. Irgendwann sagte ich: Entweder Respekt, oder ich bin weg.“

Mourinho? Dreimal unter ihm gearbeitet. „Bei Chelsea der Generalfeldmarschall, in Manchester der Showmaster, in Rom der Philosoph. Er merkte, dass TikTok und Instagram die Köpfe der Jungen vernebeln. José 2.0 ist ruhiger, liest mehr, schreit weniger. Aber seine DNA bleibt: Siegermentalität.“

Die verlorene Europa-League-Final-Pleite 2022 gegen Sevilla – noch ein offener Riss. „War das ein Elfmeter? Heute pfeift man ihn, früher nicht. Wir fühlten uns bestohlen, weil wir eine komplette Saison gebrannt hatten. Die Roma-Ultras weinten auf dem Platz, ich schwor mir: Ich will diesen Verein wieder in den Titelkampf zurückführen.“

Serbien, social media und der mythos vom streit

Serbien, social media und der mythos vom streit

Die angebliche Klatsch-Geschichte über einen angeblichen Streit mit Nationalcoach Siniša Mihajlovic zieht ihm bis heute hinterher. „Unsinn. Ich war fünfte Wahl im defensiven Mittelfeld, stand 180 Minuten ohne Einsatz im Kader. Ich sagte seinem Assistenten: Lasst mich zuhause, ich blockiere nur Platz. Die Medien drehten es um, Mihajlovic forderte einen Rückzieher. 18 Monate später rief er an: ‚Wir brauchen dich gegen Kroatien‘. Ich kam zurück, wir spielten 1:1. Ende der Pseudo-Krise.“

Was Serbien heute fehlt, ist laut Matić einfach: Qualität. „Unsere Akademien produzieren Techniker ohne Durchsetzungskraft. Dazu mischt sich die Politik in Aufstellungen ein. Da kann auch ich nichts richten.“

Italien hängt in den 90ern fest

Warum die Serie A international kaum noch mitmischt? Matić antwortet ohne Zucken. „Die Nachwuchs-Camps sind Museen. In England bekommt mein Sohn Filip Ubungsformen mit Musik, mit 13 schon Positions-Spiel in 3 gegen 3. Hier dribbelt man um Kegel und hört Taktik-Monologe. Dazu die Angst-Kultur: Vier gegen zwei auf der eigenen Hälfte, dann wundert man sich, dass keine Intensität kommt. Italiens Fußball lebt von Erinnerungen, nicht von Innovation.

Beim US Sassuolo haben Matić und die jungen Wilden jetzt ein internes Dart-Turnier erfunden. „Champions-League-Feld, Europa-League-Feld, Conference, Serie B. Der Coach Grosso steigt gerade aus der B-Liga auf – sportlich wie beim Dart. Wenn wir uns retten, ist das kein Erfolg, sondern Pflicht. Aber ich sehe: Die Kids wollen lernen. Vielleicht kann ich ihnen zeigen, dass man mit 37 noch immer die Linien auslotet wie ein Wolf.“

Was kommt nach dem letzten pfiff?

Trainer, klar. „Ich werde keine Kopie von Mourinho oder Conte. Ich nehme mit, was funktionierte: Leidenschaft, Disziplin, Videostudium bis 3 Uhr nachts. Aber ich werde meine eigene Story schreiben – vielleicht mit 75-Euro-Profis, die heute Holz hacken und morgen die Champions League rocken.“

Und ja, er würde gerne noch einmal international spielen. „Carnevali weiß Bescheid. Aber zuerst hole ich den Sassuolo nach oben – und vielleicht die Roma auch.“

Sein Vertrag läuft 2025 aus. Die Uhr tickt, der Wolf heult leise. „Ich habe zwei Karrieren gespielt: eine für 75 Euro, eine für Millionen. Die dritte beginnt bald – und die kann sogar noch länger werden.“