Volleyball: kampf gegen das gewicht – wenn der sieg zur belastung wird

Lea Ambrosius, eine junge Hoffnung des deutschen Volleyballs, hat öffentlich über ihre Essstörung gesprochen – ein Tabubruch, der nun weitere Sportlerinnen ermutigt, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen. Der Druck, im Leistungssport den perfekten Körper zu erreichen, kann verheerende Folgen haben, wie die Geschichte Ambrosius und anderer Athletinnen zeigt.

Die spirale des schlankheitswahns

Es begann mit Kommentaren zum Körper, mit dem unerfüllbaren Ideal von Schlankheit und Muskeldefinition, das im Volleyball oft als Schlüssel zum Erfolg angesehen wird. Betty Lange, eine weitere Volleyballerin aus der 2. Bundesliga, erzählt von der Spirale, die sie in die Essstörung trieb. „Im Volleyball musst du hochspringen können, du musst ausdauernd sein. Dafür brauchst du eine schlanke Statur, aber auch Muskeln. Diese Kombination ist schwierig“, erklärt sie. Der Druck, den Erwartungen gerecht zu werden, führte zu Sportzwang und extremen Diäten.

Die Geschichte von Lange und Ambrosius ist keine Einzelfälle. Immer mehr Sportlerinnen sprechen offen über ihre Probleme, ein Zeichen dafür, dass das Bewusstsein für die psychischen Belastungen im Leistungssport wächst. Doch die Ursachen sind komplex. Neben äußeren Erwartungen spielen auch interne Faktoren eine Rolle, wie beispielsweise das Streben nach Perfektion und die Identifikation mit dem eigenen Körperbild.

Das red-s-syndrom: eine stille gefahr

Das red-s-syndrom: eine stille gefahr

Ein Begriff, der immer häufiger fällt, ist das Relative Energy Deficiency Syndrome (RED-S). Dieses Syndrom entsteht, wenn der Körper nicht ausreichend Energie erhält, um alle seine Funktionen aufrechtzuerhalten. Bei Sportlerinnen kann dies zu einer Vielzahl von Problemen führen, darunter Menstruationsstörungen, Knochenschwund und ein erhöhtes Verletzungsrisiko. Die Ausbleibung der Periode ist dabei ein deutliches Warnsignal, das oft ignoriert wird.

Sportmedizinerin Dr. Petra Platen betont, dass es nicht um die Vermeidung von Gewicht abhandelt, sondern um eine gesunde Balance. „Viele Sportlerinnen sind immer konfrontiert mit dem Thema, ich darf nicht zu viel wiegen, ich darf nicht zu viel Fett haben, weil es sich in vielen Sportarten negativ auf die Leistung auswirkt“, so Platen. Sie fordert eine bessere Betreuung und Aufklärung, um Sportlerinnen dabei zu unterstützen, einen gesunden Umgang mit ihrem Körper zu finden.

Der dvv und die verantwortung der verbände

Der dvv und die verantwortung der verbände

Der Deutsche Volleyball-Verband (DVV) räumt ein, dass das Thema Essstörungen ernst genommen wird, betont jedoch, dass es kein strukturelles Problem im Volleyball darstellt. Kritiker bemängeln jedoch, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend sind. Es braucht mehr als nur Ernährungsberatung und sportpsychologische Betreuung. Die Trainer müssen sensibilisiert werden, und die Athletinnen müssen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu kommunizieren.

Lotte Goertz, die ebenfalls unter dem Druck des Schlankheitsideals litt, erinnert sich an frühe Kommentare, die sie nachhaltig geprägt haben. „Als ich den Schritt aus meinem Heimatverein in die nächstgrößere Jugendmannschaft wagte, wurde bei einem Probetraining kritisiert, dass ich 'für Volleyball schon pummelig sei'.“ Diese Worte haben Goertz jahrelang begleitet und zu einem gestörten Essverhalten geführt.

Ein neuanfang mit hoffnung

Ein neuanfang mit hoffnung

Die Offenheit von Ambrosius und anderen Volleyballerinnen ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer gesunden Sportkultur. Es ist ein Zeichen dafür, dass das Tabu gebrochen wird und dass Sportlerinnen sich nicht mehr scheuen, über ihre Probleme zu sprechen. Die Aufgabe besteht nun darin, die Strukturen im Leistungssport so zu verändern, dass der Fokus nicht nur auf dem Sieg liegt, sondern auch auf der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Athletinnen.

Die Geschichte von Betty Lange zeigt, dass es möglich ist, eine Essstörung zu überwinden und wieder ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln. „Wenn du in diesem System bist, denkst du das ist das Größte und du bist die Geilste“, sagt sie. „Es hat mich Jahre gekostet, um zu erkennen, dass mein persönlicher Wert nicht von meiner sportlichen Leistung abhängt.“ Und das ist eine Botschaft, die jeder SportlerIn verinnerlichen sollte.