Verona boykottiert sich selbst: 27 nationen feiern jubiläum, russland marschiert ein
Verona, 21.19 Uhr: Das Amphitheater bebt nicht. Die Fackel ist angezündet, doch das Feuer fehlt. 50 Jahre nach Örnsköldsvik eröffnen die Paralympics mit einem Paukenschlag – nur schlägt er ins Leere. 27 von 55 Nationen sind erschienen, sieben fehlen aus Protest, 21 schicken nur Minimalbesetzung. Die italienische EDM-Combo Meduza spielt auf, doch der Beat bleibt kalt. Die Show ist ein schweigendes Memorandum.
Russlands rückkehr spaltet die arena
Als die Volunteers die Fahne der Russischen Paralympischen Komitee in Position 44 hereintragen, verstummt selbst das Echo aus den 2.000 Jahre alten Steinmauern. Kein Buhen, kein Applaus – nur das metallische Klacken der Flaggenstangen. Belarus folgt direkt danach. Beide Verbände hatten bis Januar 2026 als „neutral“ agieren müssen, nun sind sie wieder vollwertig dabei. Die Konsequenz: Ukraine, Litauen, Lettland und Estland bleiben komplett zu Hause. Die deutsche Delegation reduziert sich auf zwei Gesichter, die man aus 1.000 Metern kaum erkennt.
Anna-Lena Forster und Jörg Wedde wurden am vergangenen Dienstag in Cortina im Wind eingefroren, damit ihre Aufnahme heute Abend auf die Leinwand flimmern kann. Die Sendung wirkt wie ein Auftritt im leeren Raum: 40 Sekunden Clip, dann ab in den Bus zurück ins Tal. „Wir wollten nicht, dass unsere Athleten zwischen Wettkampfort und Show hin- und hergereicht werden“, rechtfertigt DOSB-Sprecherin Viola Meyer die Mini-Präsenz. Klingt nach Logistik, ist Politik.

Rekorde trotz desinteresse
Die Zahlen lügen nicht: 611 Athleten aus 55 Nationen, 79 Medaillenentscheidungen in sechs Sportarten – das ist die größte Winter-Paralympics aller Zeiten. Doch die leeren Ränge in Verona erzählen eine andere Geschichte. Rekordteilnahme trifft auf Rekordboykott. Die Organisatoren feiern das Jubiläum, während ein Teil der Community den 50. Geburtstag mit einem blau-gelben Armband verweigert.
Medienvertreter zählen stattdessen weiße Fahnen: Iran sagt kurzfristig ab, weil der einzige Athlet nicht aus dem Krisengebiet herauskommt. Die Nummer 55 schrumpft auf 54. Die IOC-Vorgabe, künftig keine politischen Sanktionen mehr auszusprechen, schlägt sich in Echtzeit nieder. Die Paralympics wollten inklusiv sein – jetzt sind sie exklusiv für jene, die kommen dürfen oder wollen.

Der funke will nicht überspringen
Der eigentliche Plan klang grandios: 3D-Projektionen auf die Fassade, Tänzer auf Stelzen, ein Orchester, das Vivaldi mit Techno mischt. Stattdessen wirft ein klapperndes Schauspiel seine Schatten. Die Organisatoren haben 4,5 Millionen Euro in die Inszenierung gesteckt, doch selbst die Feuerfontänen wirken wie abgestellte Heizlüfter. Die Kamera sucht jubelnde Gesichter – und findet vor allem sich selbst.
Die Athleten, die in Mailand und Cortina schon am Samstag starten, werden gefragt, ob sie denn feiern. „Wir feiern morgen, wenn wir gewinnen“, sagt Monoskifahrerin Forster trocken. Die Sportler sind längst woanders: in der Startliste, im Training, im Kopf. Verona bleibt ein schöner, aber leerer Akt.
Um 22.07 Uhr ist Schluss. Die Fackel brennt weiter, aber sie erleuchtet nur noch Ruinen. Die Paralympics 2026 haben begonnen – mit einem Boykott, der lauter ist als jede Hymne. Die nächsten neun Tage werden zeigen, ob der Sport die Bühne zurückerobern kann. Die Bilanz nach Tag eins: 27 Nationen tanzen, 28 schauen zu oder weg. Der Jubiläumskuchen steht, doch die Gäste fehlen. Die Torte ist so groß wie nie – und trotzdem bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
