Van der poel erledigt die stars – pellizzari räumt das blau ab

Mathieu van der Poels Beine sprachen lauter als alle Taktikcomputer. Im Wellengang der Via Salara zog der Niederländer 250 Meter vor dem Ziel eine letzte, brutale Schräglage und ließ die Sprintgrößen Milan, Philipsen und Co. wie Statisten wirken. 4,3 Sekunden später jubelte er seinen zweiten Etappensieg bei Tirreno-Adriatico – und war schon wieder weg, bevor die Konkurrenz den Staub von der Kleidung klopfte.

Der plan, der keiner war

Alpecin hatte eigentlich für die Bergetappe morgen reserviert, doch van der Poel hasst Vorlagen. „Wir wollten nur die Spitzengruppe kontrollieren“, sagte Sportlicher Leiter Christoph Roodhooft, während sein Star noch atmete wie ein Hochdruckkompressor. Doch als sich auf der letzten Anhöhe vor Martinsicuro Pellizzari, Del Toro und der Belgier Van Gils absetzten, schaltete van der Poel in den Kill-Modus. 38 Stundenkilometer im Zielsprint, 1.210 Watt Peak – Zahlen, die selbst im Fahrerlager für schweigendes Nicken sorgten.

Der 21-jährige Giulio Pellizzari hingegen fuhr sich in die Rolle des Tageshelden, ohne es zu wollen. Der Rookie von Red Bull-Bora-hansgrohe klammerte sich im Windschatten des Oranje-Turbos an Position zwei, profitierte von der Kampfzone und kassierte acht Sekunden Gutgeschrieb – genug, um das blaue Trikot von del Toro zu entreißen. „Ich wollte nur nicht letzter werden“, sagte er mit zitternder Stimme, während seine Hände noch am Vibrieren waren. Sein Vorteil: zwei Sekunden auf den Mexikaner, der gestern noch souverän wirkte und heute die Rechnung für ein zu spätes Öffnen der Sprintlinie präsentiert bekam.

Die stunde der wahrheit naht

Die stunde der wahrheit naht

Morgen wartet der Gran Sasso: 218 Kilometer, 4.700 Höhenmeter, ein Gipfelziel auf 1.600 Metern. Für van der Poel ist es eine Bühne, die er eigentlich hasst; für Pellizzari eine Prüfung, die seine Lehrzeit abrupt enden lassen könnte. „Wenn ich morgen überlebe, träume ich“, sagte der Italiener und lachte, als hätte er gerade das erste Mal ein Rollover gewonnen. Die Datenanalysten tippen trotzdem auf Del Toro – seine VO2max liegt bei 88 ml/kg/min, drei Punkte über Pellizzari. Aber Daten kennen keine Nervosität, keine kalte Hand, kein nasser Asphalt.

Die 4. Etappe war ein Vorgeschmack auf eine Woche, die sich entscheiden wird zwischen Spekulation und Instinkt. Van der Poel hat seine Visitenkarte abgegeben, doch das Rennen ist längst nicht mehr seine Domäne. Die Uhr tickt für die Kletterer – und für Pellizzari, der plötzlich Favorit ist, ohne je die Last eines Trikots getragen zu haben. Das Bild von Martinsicuro zeigt ihn, wie er neben dem Sieger steht, das blaue Tuch auf den Rippen, die Augen bereits Richtung Apenninen gewandt. Dort, wo die Luft dünner wird, beginnt die eigentliche Tirreno-Adriatico – und endet vielleicht auch das Märchen des jungen Mannes aus Rovereto.