Van aert kehrt nach vier jahren zurück – aber seine knöchel-frage klafft wie ein canyon

Wout van Aert steht am Samstag auf den staubigen Chianti-Kieselstraßen von Strade Bianche – und weiß selbst nicht, ob sein reparierter Knöchel mitspielt. Der Belgier feierte hier 2020 den Sieg, seitdem verpasste er bewusst jede Auflage. Jetzt kehrt er zurück, weil er den Rennrhythmus braucht. Die Ironie: Genau das Rennen, das ihn einst zum Straßen-Superstar machte, wird zur Fragezeichen-Prüfung.

Die corona-sommersiege von 2020 sind längst staub

Die Bilder, die Visma-Lease a Bike diese Woche auf Instagram spult, zeigen van Aert im gelb-schwarzen Trikot, wie er auf der Piazza del Campo die Arme hochreißt. 34 Grad Hitze, verschwitzte Masken, keine Zuschauer – das war 2020. Sechs Jahre später liegt zwischen ihm und dem letzten Strade-Start ein gebrochener Sprunggelenk, eine Cyclocross-Panne und ein Saisondebüt, das bei Le Samyn durch einen Plattfuß nach 70 km endete.

„Ich starte mit mehr Fragen als erhofft“, sagt er im Team-Telefonat. Die Ehrlichkeit tut weh. Strade Bianche war ursprünglich sein Saison-Auftakt-Ziel. Stattdessen reist er als Co-Leader mit Matteo Jorgenson an, der zwar in der Ardèche zweimal vorne war, aber 2020 hier selbst als Movistar-Fahrer abknickte. Die Last liegt schwer auf Belgier-Schultern, die noch nicht wissen, ob sie 180 km Schotter aushalten.

Die statistik lügt nicht – aber sie schweigt über den knöchel

Die statistik lügt nicht – aber sie schweigt über den knöchel

Seine Strade-Bilanz: ein Sieg, zwei dritte Plätze, einmal Vierter. Noch nie schlechter als Rang vier. Diese Zahlen hat niemand im Feld. Doch Zahlen kennen keine Schmerzen. Seit dem Bruch Anfang Januar trainierte er nur drei Wochen richtig hart. Die restliche Zeit war Reha, Aqua-Jogging, Testfahrten auf dem Rollentrainer. Wer ihm in den letzten Tagen auf den Schleichvideos der Teamsocials zuschaute, sah: Die Beine kreisen, aber der Blick ist starr nach Boden gerichtet.

In Siena wird die Antwort kommen – oder auch nicht. Denn Strade Bianche verzeiht keine Schwäche. Wer auf den weißen Wegen zögert, wird sofort weggeschleudert. Van Aert kennt die Mechanik: Einmal Federn verlieren, bedeutet Kilometer voller Staub und Verzweiflung. Seine einzige Versicherung: das Giro-Erinnerungsfoto vom letzten Mai. Damals gewann er auf derselben Piazza die 9. Etappe. Das Foto hängt im Teambus. Es erinnert daran, dass er Siena besiegen kann – wenn der Knöchel mitspielt.

Verandas willems-crelan ist längst geschichte

2018 fuhr er hier als unbekannter Cross-Spezialist des kleinen belgischen Teams aufs Podest. Heute sitzt er im Bus von Visma-Lease a Bike, umgeben von Powermetern und Analysten. Die Welt ist größer geworden, die Erwartungen auch. Früher reichte ein Top-10, um Jubel zu ernten. Heude fragt man nach Siegen. Die Logik des Sports: Erfolg frisst sich in die Zukunft – und dort wartet schon die Flandern-Rundfahrt.

Matteo Jorgenson wird neben ihm fahren, aber die Blicke werden auf van Aert ruhen. Die Italiener nennen das Rennen gern „La Classicissima di marzo“, die März-Klassiker. Für van Aert ist es der erste echte Stresstest nach dem Bruch. Kein Rollentrainer, keine Trainingslager-Videoanalyse – nur Schotter, 14 Hügel und die Wahrheit im Staub.

Wenn er am Samstag um 11:10 Uhr in San Gimignano startet, wird die Piazza del Campo noch leer sein. Drei Stunden später, wenn die Sonne über den Turmschiefern von Siena steht, wird sie voll sein – oder auch nicht. Dann wird sich zeigen, ob die Fragezeichen zu Ausrufezeichen werden. Bis dahin bleibt nur eins sicher: Wer hier zweifelt, verliert. Und van Aert kennt die Antwort noch nicht.