Union ersatzmann raab zittert, fliegt, siegt – und verflucht die hand
Matheo Raab weinte sich in die Katakomben. Tränen, Schweiß, Puder vom Bandagegips – alles vermengte sich auf seinen Wangen. Der Mann, der nie ein Bundesliga-Spiel gespielt hatte, hatte gerade das wichtigste seiner Karriere entschieden – mit gebrochenen Fingern und einem Satz, der sofort in Union-Hymnen übergeht: „Scheiß auf die Hand, hauptsache drei Punkte.“
Die parade, die freiburg verstummen ließ
90.+6, Schwarzwald-Stadion, Ecke von links. Bruno Ogbus hangelt sich an den Ball, die ganze badische Hoffnung klebt an seiner Stirn. Raab startet aus dem Tor, streckt sich, trifft den Ball mit der rechten Faust – und knallt danach mit vollem Körpereinsatz auf den Rasen. Der Schiedsrichter pfeift nicht, die Freiburger protestieren, Raab bleibt liegen, sein Daumen zeigt nach OWL. Keiner ahnt, dass er sich beim Abpraller selbst auseinander genommen hat. Dafür ahnt jeder, dass Union jetzt sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz hat.
Trainer Steffen Baumgart hatte schon fünf Wechsel verbraucht, also blieb nur der Kampf gegen die Zeit und gegen die eigene Hand. „Ich habe mir gesagt: Zähne zusammen, Handschuh rauf, irgendwie durchkommen“, erzählt Raab, während ihm das Physio-Tape um den Daumen bereits die Farbe des Trikots annimmt. Die nächste Szene: Freistoss Flanke, Doan volley, Raab fliegt quer, pariert mit den Fingerspitzen. Die Hauptstadt jubelt, Freiburg schlägt die Hände vors Gesicht.

Wie ein debütant die unruhe der hauptstädter stoppte
Union hatte vor sieben Wochen noch gezittert wie ein Neuling beim Elfmeterschießen. Drei Niederlagen, ein torloses Remis, Rönnow fällt aus, der Club rutscht Richtung Abstiegszone. Dann kommt ein Typ, der bislang nur Pokal-Spiele in Magdeburg und Kiel gesehen hatte, und trägt mit einer Bänderdehnung im Fuß die halbe Saison. Die Ironie des Fußballs: Der Verletzte rettet die Verletzten.
Baumgart atmet tief durch, nach dem Schlusspfiff grinst er wie ein Bub, der heimlich vom Kuchen naschen durfte. „Er ist ein absoluter Typ“, sagt er über Raab. „Der trägt morgen gipsversteift zum Training.“ Die Kabine bejubelt den Ersatzmann, der künftig in jedem Straßenkreuz Berlin-Süd die Kneipen rühmen wird. Denn was zählt, ist das Bild: ein Torhüter, der sich selbst verletzt, um seinen Klub zu retten – und der danach lacht, bis die Tränen wieder trocken sind.
Union Berlin schlägt SC Freiburg 1:0, drei Punkte, sieben Zähler Vorsprung. Matheo Raab fliegt zurück nach Köpenick, die rechte Hand im Gips, das Herz im Festmodus. Die Saison ist noch lang, aber diese eine Nacht gehört ganz ihm – und der Faust, die gerade eben noch Schmerzen versprach, am Ende aber die Rettung schrieb.
