Tunesien marschiert torlos zur wm 2026 – jetzt soll endlich der knoten platzen

Null Gegentore, zehn Spiele, ein Ticket – Tunesien hat die Qualifikation zur WM 2026 zur absoluten Demonstration der Macht gemacht. Die „Adler von Karthago“ fliegen als einzige afrikanische Mannschaft ohne jede Beule in die USA, Kanada und Mexiko. Doch hinter der makellosen Bilanz lauert eine alte Wunde: bei sechs WM-Teilnahmen nie das Achtelfinale erreicht. Diesmal, so lautet das Versprechen im Lager von Trainer Sabri Lamouchi, wird Geschichte geschrieben.

Die tormauer, die alle sprachen vergisst

Was Sabri Ben Hessen, Abdelmouhib Chamakh und Aymen Dahman in den zehn Quali-Spielen bauten, erinnert an die Stadtmauer von Tunis: kein Durchkommen. Selbst Ghana und Nigeria, sonst gefürchtet für ihre Tempogegenstöße, prallten ab wie Regen gegen Glas. Die Statistik ist so absurd, dass selbst Kapitän Youssef Msakni lacht: „Wir haben fast mehr Mühe, die Null zu feiern, als zu treffen.“

Aber Lamouchi dreht lieber die Drohkulisse: „Torlose Qualifikationen vergessen alle, wenn man in der K.o.-Runde steht.“ Der 54-Jährige, in Lyon geboren und mit italienischem Pokalsieg im Gepäck, kennt beide Seiten: als Spieler schrammte er knapp an der WM 1998 vorbei; als Coach soll es nun klappen.

Kader voller splitter und glanzlichter

Kader voller splitter und glanzlichter

Die Liste liest sich wie ein Atlas junger Diaspora: Ismael Gharbi dribbelt bei FC Augsburg, Rani Khedira presst bei Union Berlin, und Montassar Talbi hält bei Lorient die Ligue-1-Spitzenstürmer in Schach. Daneben wirken Elias Saad (Hannover 96) und Sebastian Tounekti (Celtic) wie geheime Waffen aus zweiter Garde. Die Balance ist das Geheimrezept: Erfahrung in Europa, Temperament aus der Liga arabe.

Eine Fußnote erregt Aufsehen: Khalil Ayari, 19, PSG-U21-Talent, wurde erst nach einem Twitter-Video nominiert, das ihn beim Dribbling durch halb Paris zeigt. Lamouchi schmunzelt: „Wenn die Daten stimmen, fliegt er mit. Wir sind kein Museum.“

Gruppe f: schweden, japan, niederlande – kein geschenk

Gruppe f: schweden, japan, niederlande – kein geschenk

Am 15. Juni um 4 Uhr deutscher Zeit trifft Tunesien in San Diego auf Schweden – ein Duell, das an die letzte WM erinnert, als die Skandinavier in der Gruppenphase schon ausschieden. Fünf Tage später wartet Japan in Los Angeles, schnell, rotationsverliebt und gefährlich wie ein Shuriken. Das Finale gegen die Niederlande in Kansas City könnte zur Feuertaufe werden: Memphis Depay gegen Talbi, Frenkie de Jong gegen Khedira – ein Europa-Check live im US-Fernsehen.

Die Tabelle der Gruppe F liegt noch blank, doch die Zahlen sprechen: Tunesien gewann nur eines der letzten neun WM-Spiele. Lamouchi kontert nüchtern: „Statistiken sind für Journalisten. Punkte holen wir auf dem Rasen.“

Die letzte hürde heißt geschichte

1978, 1998, 2002, 2006, 2018, 2022 – sechs WM-Tickets, sechs Mal Gruppenaus. Das Trauma sitzt tief. Doch im Trainingslager in Doha herrscht ungewohnte Ruhe. Die Spieler schauen nicht mehr auf die Uhr, sondern aufeinander. Ellyes Skhiri, gebürtiger Kölner mit tunesischen Wurzeln, gibt den Katalystor: „Jeder kennt die Story. Jetzt schreiben wir die Fortsetzung.“

Wenn am 26. Juni die Schlusssirene in Kansas City ertönt, könnte Tunesien nicht nur die Gruppenphase überstehen, sondern auch eine ganze Nation aus dem Dornröschenschlaf wecken. Die Null in der Qualifikation war der Auftakt. Die Eins in der K.o.-Runde wäre das Ende einer 48-jährigen Leidensgeschichte.