Thun rast mit rekordtempo zum titel: schon ostern krönen?
16 Punkte Vorsprung, elf Siege aus zwölf Rückrundenspielen – der FC Thun spielt nicht mehr mit, er dirigiert die Meister-Oper. Seit dem 2:2 im Topspiel gegen St. Gallen ist die Entscheidung gefallen: Der Aufsteiger wird Geschichte schreiben. Die einzige Frage, die bleibt, lautet: Wann ist Krönung?
Die szenarien für die titelparty
Karsamstag, 19. April, steht im Kalender der Berner Oberländer mit dickem Filzstift. Gewinnt Thun in Zürich und in Lugano, verliert St. Gallen in Sion, platzt die Champagnerkorken schon vor dem Osterlamm. Dann wäre der Vorsprung unüberholbar. Die Alternative: Thun schiebt die Feier in die 33. Runde und krönt sich vor eigener Kulisse gegen Basel. Das wäre das inszenatorische Maximum – Revanche am letzten Meister, vor heimischer Nordkurve.
Die Zahlen sind schon jetzt atemberaubend. Bei 95 möglichen Punkten würde Thun die legendäre Young-Boys-Saison 18/19 hinter sich lassen und zur drittstärksten Meistermannschaft der Super-League-Geschichte aufsteigen. Die Tordifferenz? Plus 46. Die Torschützenkönige? Gleich drei Thuner in den Top-Ten. Und Doppeltorschütze Sanches? Ein Name, der in den nächsten Jahren noch oft fallen wird.

Warum st. gallen nur noch die rolle des statisten spielt
Die Espen haben am Dienstagabend tief in der Nachspielzeit den Ausgleich kassiert – das war nicht nur ein Gegentor, es war das symbolische Aus. Seit sieben Spielen warten die Ostschweizer auf einen Sieg gegen ein Top-5-Team. Die Müdigkeit der letzten Jahre schlägt durch. Trainer Meier spricht von „Kopf statt Beine“, doch die Statistik lügt nicht: St. Gallen holt in den letzten 15 Minuten nur noch 0,6 Punkte pro Spiel. Thun dagegen trifft in dieser Phase doppelt so oft. Die Moral? Ein Luxusproblem, wenn man so dominiert wie der Leader.
Und Mauro Lustrinelli? Der Thuner Trainer schwört auf „Spielverlagerung mit Ziel“, ein Begriff, den er sich selbst ausgedacht hat. Gemeint ist nichts anderes als kontrollierter Angriffsfussball, bei dem jeder Ball den nächsten Treffer vorbereiten soll. Die Mannschaft versteht ihn. Gegner nicht.

Der rekord, der noch wackelt
91 Punkte markierte Bern 2016. Thun kann auf 95 kommen. Die Rechnung ist simpel: sechs Siege aus den letzten sechs Partien. Klingt nach Märchen, ist aber Realität, seit der Club interne GPS-Daten mit Laufbändern und Sprintwerten verheiratet. Die Sportdirektion nennt es „marginal gains“, die Spieler nennen es „Arbeit vor dem Spaß“. Ergebnis: kein einziger Muskelbündelriss seit Februar, dafür 92. Kilometer Laufleistung im Schnitt – Rekordwert ligaübergreifend.
Die Fans planen schon. Die Haupttribüne wird zum Bühnenbild, die Berner Oberland Arena zur Kulisse. Sollte die Feier tatsächlich auf Ostern fallen, haben die Organisatoren eine Woche Vorlauf. Dann würde Thun nicht nur Meister, sondern auch Rekordmarke in Sachen Infrastruktur setzen: 25 000 Feiernde in einer Stadt mit 22 000 Einwohnern. Die Polizei sagt: „Machbar, wenn die Emotionen nicht überkochen.“ Die Thuner sagen: „Wird eh überkochen.“
Für den Rest der Liga bleibt die Erkenntnis: Märchen sind selten, aber wenn sie passieren, dann in Gelb-Schwarz. Und mit einem Punkteschnitt, der selbst die grosse Bayern-Saison neidisch machen würde.
