Spurs stehen mit dem rücken zur wand: madrider abwehrbollwerk macht wunder nötig

London ist am Abend keine Stadt der Träume, sondern ein Schauplatz der puren Verzweiflung. Tottenham Hotspur muss im Rückspiel der Champions-League gegen Atlético Madrid einen 0:3-Rückstand von Madrid wettmachen – eine Aufgabe, die selbst die größten Optimisten im White Hart Lane kaum noch für lösbar halten.

Simeones defensivkunst wird zum albtraum

Die Zahlen sind gnadenlos: Kein englisches Team kehrte jemals aus einem Europapokal-Hinspiel mit einem Drei-Tore-Handicap als Sieger zurück. Die Spurs versanken im Wanda Metropolitano in einer Schock-Starre, die Diego Simeones Atlético gnadenlos ausnutzte. Rodrigo de Paul und Antoine Griezmann schlugen zweimal zu, ehe Rodrigo Riquelme in der Nachspielzeit den Deckel draufsetzte.

Trainer Antonio Conte, der sonst für seine taktische Präzision gefeiert wird, wirkte auf der Seitenlinie wie angewurzelt. „Wir haben alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, sagte er nach Abpfiff mit schwerer Stimme. Die Statistik gibt ihm recht: Drei Torschüsse, keine nennenswerte Großchance, 38 Prozent Ballbesitz – das ist in der Königsklasse ein Armutszeugnis.

Atlético zeigte dagegen die ganze Klasse eines Teams, das in den letzten zwölf Monaten nur zwei Heimspiele verloren hat. Jan Oblak im Tor war kaum gefordert, die Viererkette um José Giménez und Stefan Savić stand wie eine Betonwand. Simeones 5-3-2 presst die Gegner in engste Räume, und genau dort verhedderte sich Tottenham.

Kane und son müssen wunder wenden

Kane und son müssen wunder wenden

Die Rückkehr nach London verheißt kein neues Morgengrauen. Harry Kane und Heung-min Son, sonst die Garanten für Tore, liefen sich in der spanischen Hauptstadt fest. Kane kam auf 26 Ballkontakte – bei seiner durchschnittlichen Saison-Quote von 54. Atlético schaltete sofort um auf Konter, sobald die Spurs den Ball verloren. Die Folge: 17 gefährliche Ballgewinne im Mittelfeld, daraus resultierend zwei Treffer.

Die Londoner brauchen nun drei Tore, ohne eins zu bekommen – und das gegen eine Mannschaft, die in der LaLiga die zweitbeste Defensive stellt. Die Wettquoten sprechen Bände: 18,0 auf einen Tottenham-Sieg nach 90 Minuten, 34,0 auf den Einzug ins Viertelfinale. Selbst Buchmacher halten das für ein fast unmögliches Unterfangen.

Dennoch: In der Europa League schaffte der FC Barcelona 2017 ein 6:1 gegen Paris – allerdings mit Neymar, nicht mit einem verschreckten Mittelfeld und einem angeschlagenen Verteidigungspoker. Die Spurs müssen früh Druck machen, genau das aber öffnet Räume für Atléticos gefürchtete Konter. Es ist das Dilemma des Verfolgungswettkampfs: Wer angreift, verliert; wer sich zurückzieht, scheidet aus.

Die Uhr tickt. Am 15. April steht das Viertelfinale an, und für Tottenham droht bereits am 17. März das Aus. Die Fans singen noch „Come on you Spurs“, doch selbst die hymnenstarke Nordkurve weiß: Manchmal reicht selbst die lauteste Stimme nicht, um ein Wunder zu erzwingen. Die Wahrheit ist hart – und sie trägt die Rojiblanca-Farben.