Spätflüger deschwanden zieht bilanz: „wir reiten den wind“

Gregor Deschwanden hat den Holmenkollen-Kracher geschluckt – und prompt seine ersten Anzugsschuhe ausgeliehen. Mit 35 Jahren, 309 Weltcupstarts und einem Olympia-Bronzerücken endlich auf dem obersten Treppchen, lacht der Schweizer nun über Böen, Voodoo und den Mythos, man könne als Athlet die Bedingungen steuern.

„Haben keinen einfluss auf die bedingungen“

„Haben keinen einfluss auf die bedingungen“

Die Wahrheit kommt in 76 Sekunden. Im Sportschau-Interview stemmt Deschwanden die Schultern, als hätte er gerade 120 Kilogramm Windlast auf den Rippen. „Wir springen, was kommt. Mehr nicht.“ Kein Jammern, kein Pathos. Einfach nüchtern: Der FIS-Renndirektor drückt auf Grün, die Jungs drücken auf Kante. Wer als letzter in der Bahn steht, darf sich nicht wundern, wenn die Fahne umschwingt wie ein Boxhandschuh.

Die Zahl, die ihn heute morgen noch schmunzeln lässt: 14 Jahre. So lange brauchte der Berner, bis er sich selbst auf der Schulter tragen durfte – statt Simon Ammann ihn. Der Rekord-Altersmeister Pius Paschke war mit 33 Jahren der „Skisprung-Opa“, nun ist Deschwanden „Spätflüger“ auf Steroiden. Seine Karriere liest sich wie ein Krimi mit Löchern: 2018/19 nur vier Punkte, dafür jetzt Olympia-Bronze plus Sieg in Oslo. Wie ein Tennisstopp auf Eis.

Er schreibt sich die Geschichte um, indem er sie sich einfach lebt. Neuroathletik, Koordinationstraining, mentale Reset-Knöpfe – alles Methoden, die klingen, als hätte er sie aus dem Silicon Valley geklaut. Aber er nennt es schlicht „andere Wege“. Die Lösung für das Gewinnen? „Konstanz entsteht, wenn man für jeden Mist eine Antwort parat hat.“

Der Wind in Oslo war so launisch, dass selbst die Wetterfrösche vor Ort ihre Darts verfehlten. Dennoch lautete die Devise: Durchziehen. Philipp Raimund boykottierte, Felix Hoffmann fluchte, die FIS probierte alles – am Ende sprangen nur die, die sich auf Unberechenbares einließen. Deschwanden war einer von ihnen. Er gewann nicht trotz der Bedingungen, sondern gerade weil er sie akzeptierte. „Wir reiten den Wind, wir lenken ihn nicht“, sagt er und klingt dabei wie ein Philosoph mit Springerspikes.

Die Saison ist noch nicht vorbei, und die Weltcup-Elite schaut plötzlich auf den Mann, der früher irgendwo zwischen Rang 10 und 30 versteckt war. Für Deschwanden bleiben noch ein paar Schanzen, um den Spätflüger-Coup zu wiederholen. Er weiß: Das nächste Mal muss er wieder seine Sachen packen – und vielleicht auch mal seine eigene Medaillenjacke. Denn geliehen ist nur die Kleidung, nicht der Triumph.